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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER THERMOMETER

Deutschland

und

Frankreich

haben. Durch ihn wird Frankreich in Zukunft höher geachtet sein. Darumwurde, als Frankreich , allerdings mit Hilfe beider Hemisphären, siegreichaus dem Weltkrieg hervorgegangen war, das Herz des Kriegsverlängerersvon 1870, Gambettas Herz, aus Nizza , wo sein Leib beigesetzt ist, in diefranzösische Ruhmeshalle, in das Pariser Pantheon überführt.

In kurzen, markigen, lapidaren Zügen schilderte mir Gambetta beiunserer ersten Begegnung sein Vorgehen und seine Haltung nach Sedan alsMitglied der Regierung der Nationalverteidigung.Frankreich , sagte ermir,war in die Knie gesunken. Ich habe zu ihm gesagt: ,Debout etmarche! 4 Wer in großen Augenblicken Frankreich regiert, fuhr er fort,hat das Gefühl, einen Thermometer in der Hand zu halten; ein Druck derHand läßt den Thermometer steigen oder fallen. In solchen Momenten, ingroßen Momenten, kann man alles mit Frankreich machen. (Dans cesmoments, dans les grands moments on peut tout faire de la France.) Er kamnun auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich. Ichwürde wohl gehört haben, daß er bald nach dem für Frankreich unglück-lichen Ausgang des Krieges mit Bezug auf die Revanche geäußert habe,daß man immer an sie denken, aber nie von ihr sprechen müsse. Das seinach wie vor seine Ansicht. Man habe ihm in Deutschland übelgenommen,daß er von derJustice immanente der Geschichte gesprochen habe.Daraus folge noch nicht, daß ein Krieg zwischen Frankreich und Deutsch-land unvermeidlich sei oder gar nahe bevorstünde. Lächelnd fügte er hinzu:Sehen Sie nach Rom. Als die Italiener durch die Bresche der Porta Pia indie Ewige Stadt einzogen, glaubte man allgemein, Papst und König würdennicht in derselben Stadt zusammen hausen können. Man zitierte unserenguten Victor Hugo: ,Ceci tuera cela. 4 Nun sehen Sie, Papst und König lebennoch immer in Rom friedlich nebeneinander. Sie lieben sich nicht, aber siekratzen sich nicht die Augen aus. Natürlich hofft der Papst, daß er einmalwieder allein in Rom residieren wird. Und die Italiener hoffen, daß er sichschließlich restlos mit ihnen aussöhnen wird. Aber vorläufig kommen sietant bien que mal miteinander aus. Zwischen Frankreich und Deutschland sind viele Zukunftsmöglichkeiten denkbar, vielecombinazione, wie dieItaliener das nennen. Sie kennen die Redensart: ,La France desire larevanche, mais eile veut la paix. 4 Der erste Teil dieser Phrase ist nur mitEinschränkung richtig, der letztere ist absolut wahr.

Der modernen sozialdemokratischen Bewegung, deren Prophet KarlMarx von London aus die kommunistischen Lehren verbreitete und die imDeutschen Reichstag schon durch Bebel und Liebknecht vertreten war,stand Gambetta völlig ablehnend gegenüber. Er hatte ebensowenig Ver-ständnis für sie, wie achtzig Jahre früher die Jakobiner Verständnis fürBabeuf gehabt hatten, den sie aufs Schafott schickten.Ich leugne, sagte