DER PATRIOT
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Medizinalkräutern und nannte seinen Laden „Au port de Genes“. AlsGambetta fils schon ein berühmter Mann geworden war, las man auf einemLadenschild in seiner Geburtsstadt Cahors , der Hauptstadt des Departe-ments Lot: „Gambetta, Herboriste, au port de Genes.“ War Gambetta jüdischen Ursprungs ? Das ist vielfach behauptet worden. Seine Gesichts-bildung hätte der Annahme jüdischer Abkunft nicht widersprochen. SeinGesichtsschnitt war jüdisch. War Gambetta wirklich Jude, so würde dasnur ein neuer Beweis für die politische Begabung der Juden sein, die schondurch Disraeli, Daniele Manin, Luigi Luzzatti, Karl Marx und FerdinandLassalle illustriert wird, von Moses und König Salomon gar nicht zu reden.
Das Diner beim Grafen Roger du Nord, bei dem ich Gambetta kennen-lernte, steht mir noch heute, nach so vielen Jahren, lebhaft vor Augen. Der Gambetta gute Graf war ein großer Feinschmecker. Es gab Riesentrüffeln, prachtvolle 1870Truffes de Perigord in Champagner gekocht und mit bester Butter, ungefährdas Unverdaulichste, was man sich denken kann. Ich bewunderte denAppetit, mit dem Gambetta den Trüffeln zusprach. In diesem Appetitglich er Bismarck. Dazu trank er Chambertin, einen schweren Burgunder-wein. Nach Tisch kam er auf mich zu, nahm mich unter den Arm, setztesich auf ein Sofa und forderte mich auf, neben ihm Platz zu nehmen. Er warin hohem Grade das, was die Italiener einen „Simpaticone“ nennen. Er warmehr als das, er war eine große Natur. Er lenkte sofort die Unterhaltung aufseine Haltung im Deutsch -Französischen Kriege. Und das war ganz in derOrdnung. Die bewunderungswürdige Energie, mit der er damals das beiWeißenburg, Wörth, Spichern , Colombey-Nouilly, Vionville, Mars-la-Tour,Gravelotte-Saint-Privat, Noisseville, bei Sedan besiegte Frankreich auchnach Sedan, nach der Übergabe von Metz , nach der Einschließung vonParis in den letzten Verzweiflungskampf führte, war die eigentliche Basisseiner Stellung in Frankreich . Das gab ihm eine Position, wie sie kein an-derer Franzose seiner Generation hatte. Er war nicht nur ein Patriot, erwar der Patriot. Er war nieht nur national gesinnt, wie dies mit ver-schwindenden Ausnahmen alle Franzosen sind, er war der Nationalist parexcellence. Er war der Mann, der bis zuletzt für den Krieg bis aufs Messereingetreten war. Wie Clemenceau im letzten Jahre des Weltkrieges derTräger der Guerre jusqu’au bout, so war im Winter 1870 Gambetta derVertreter der Guerre ä outrance. Daß es seiner Energie, seinem Enthusias-mus, seinem Glauben an sein Land gelungen war, Widerstand und Kriegnoch um vier Monate zu verlängern, sicherte ihm seinen Platz im Herzendes französischen Volkes wie in der stolzen französischen Geschichte. Schonim Dezember 1870 hatte Hippolyte Taine , der kritische und dem Heroen-Kultus abgeneigte Historiker, an einen Freund geschrieben: „Selbst wennwir zermalmt werden, wird Gambetta in jedem Falle unsere Ehre gerettet