468
NUMA ROUMESTAN
der geborene Redner im romanischen Sinn, in der Art, wie Danton undMirabeau, wie Jaures , Castelar und Crispi es waren. Er verfügte über einestarke, tiefe, wohllautende, wenn er wollte dröhnende Stimme, über die zueiner solchen Stimme gehörende breite, dominierende Geste, über ein leb-haftes und ausdrucksvolles Mienenspiel. Die kräftige Lunge und die ge-läufige Zunge hatten ihm schon als jungem Studenten im Cafe Procope,in dem so mancher später berühmt gewordene Franzose seine ersten Redner-versuche unternahm, eine Stellung gemacht. Der Student Gambetta haustenatürlich im Lateinischen Viertel, im Quartier Latin , in der Rue de l’Odeon,in demselben kleinen Gasthof, in dem der nur um zwei Jahre jüngereDichter Alphonse Daudet eine Dachstube bewohnte. Daudet sollte späterin seinem vielleicht besten Roman, im „Numa Roumestan“, die Gestaltdes südfranzösischen Demagogen, der sich Paris erobert, mit scharfemGriffel zeichnen. Die Behauptung, Gambetta habe als Student seine Kom-militonen um ein Zwanzigsousstück anpumpen müssen, um sein Abendbrotzu bezahlen, ist eine Schnurre. Er bezog von seinem ehrsamen Vater, demitalienischen Kräuterhändler in Cahors , einen monatlichen Wechsel von300 Frank, für einen Bewohner des Quartier Latin ein ganz anständigerWechsel. Dagegen will ich gern glauben, daß Gambetta , wenn er auch nichtein armer Teufel von Bohemien war, doch wie ein solcher aussah, als er inseiner ersten Jugend als Student im Cafe Procope, später, als er Advokatgeworden und von dem linken auf das rechte Seineufer vorgedrungen war,im Cafe Madrid durch seine Bruststimme abends einen Kreis bewundernderZuhörer um sich versammelte. Noch als ich Gambetta kennenlernte, fielmir sein ungewöhnlich nachlässiger Anzug auf. Sein Frack saß schlecht.Sein Hemd quoll aus der Weste hervor wie eine aufgebauschte Gardine.(Sa chemise bouffait.) Seine Kravatte saß schief. Das würde seinem Fort-kommen in England geschadet haben, wo auf den Anzug großer Wert gelegtwird und wo Disraeli einem debütierenden Member of Parliament eineschöne Zukunft prophezeite, weil er sein Monokel „wie ein Gentleman“trage. Der Franzose sieht lange nicht so sehr wie der Brite auf das Äußeredes Mannes, aber um so mehr auf seine oratorische Begabung. Der Deutschelegt weder auf das eine noch auf das andere besonderen Wert, sondernbeurteilt den Politiker in erster Linie nach seinem ethischen Gehalt undnach seiner Stellung zu Weltanschauungsproblemen.
Leon Gambetta war wie Napoleon , wie der Kardinal Mazarin, derport de Nachfolger des Kardinals Richelieu und Fortführer seines Werkes, wie derGenes “ Marechal de Retz und der Kardinal de Retz von italienischer Herkunft.Sein Großvater war aus Genua in Frankreich eingewandert. Sein noch inItalien geborener Vater sprach bis zu seinem Lebensende Französisch mitprononciert italienischem Akzent. Gambetta pere betrieb einen Handel mit