DIE COMMUNE
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üble Folgen haben könnte. Er habe die Gefährlichkeit von Cavour undBismarck für Frankreich rechtzeitig erkannt. Er habe, als Napoleon III. mit Ollivier und Gramont in der ungeschicktesten Weise im Juli 1870Preußen und dem Norddeutschen Bund den Krieg erklärte, ganz alleingegenüber einer ihn unterbrechenden und beschimpfenden Kammer dieSprache der Vernunft geführt. Er habe während des Krieges durch die vonihm in seinem hohen Alter und mitten im Winter nach St. Petersburg, Wien und Rom unternommene Reise Stimmung für Frankreich gemacht, endlichdurch den rechtzeitigen Frieden mit Deutschland die Zukunft Frankreichs gerettet. Sein Hauptverdienst aber sei die Energie gewesen, mit der er imFrühjahr 1871 den sozialistischen Communeaufstand niedergeworfen habe.
„Als Thiers damals Tausende von Aufständischen an die Wand stellen undfüsilieren ließ, andere Tausende nach Neu-Kaledonien deportieren ließ,wahrte er seinem Lande die Möglichkeit einer friedlichen und ver-ständigen inneren Entwicklung. Genau wie der Arzt dem Kranken dasLeben verlängert, wenn er rechtzeitig eine notwendige Operation vor-nimmt.“ So Graf Roger du Nord. Ich aber meine, es ist ein glänzenderBeweis für den Bürgersinn und das Staatsbewußtsein der Franzosen , daßsie den Chirurgen, der diese heilsame, aber sehr blutige Operation vornahm,unter ihre größten Staatsmänner rechnen und ihm nach seinem Tode inParis und in vielen anderen Städten Denkmäler über Denkmäler errichtethaben. Der Deutsche singt: „Deutschland, Deutschland über alles!“ DenFranzosen geht Frankreich , sein Interesse, seine Welt- und Machtstellung,seine Größe und sein Ruhm wirklich über alles. Gerade in dieser Beziehungwar Adolph Thiers ein echter, ein typischer Franzose. Vor und nach 1871hat er nie aufgehört, an die „Preponderance legitime de la France“, an dieprovidentielle Vorherrschaft Frankreichs in Europa zu glauben. Er warziemlich unzugänglich für religiöse Gefühle, un fils de Voltaire. Aber seinGlaube an Frankreich hatte etwas Religiöses.
Bei dem Grafen Roger du Nord lernte ich Gambetta kennen. Er wardamals vierzig Jahre alt. Er hatte auf den ersten Blick nichts Imponieren- Gambettades. Im Verhältnis zu seiner mittleren Größe war er allzu beleibt, seineBewegungen waren abrupt und vulgär. Jules Grevy und Jules Ferry, Waldeck-Rousseau und Freycinet zeigten in ihrem Auftreten mehr Würde.
Wie der Kyklop der Odyssee hatte Gambetta nur ein Auge. Daß er sich alsjunger Mensch das andere selbst ausgebohrt hätte, um der Militärpflicht zuentgehen, war eine boshafte Erfindung seiner Gegner. Er hatte das eineAuge als Kind bei einem Unfall verloren. Alles in allem war die äußereErscheinung des Mannes, der die „defense nationale“ geleitet hatte, nichtgerade distinguiert. Aber der Gambetta auf der Tribüne des Corps legislatifwar ein anderer als der Gambetta im Frack in einem Salon. Gambetta war
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