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DER FREUND VON THIERS
erstenmal den drei Brüdern Charmes , alle drei hochbegabte Publizisten,deren Artikel im „Journal des Debats“ und in der „Revue des DeuxMondes “ viel beachtet wurden. Hier lernte ich auch die beiden BrüderCambon kennen, von denen Paul Präfekt in Lille, Botschafter in Kon-stantinopel und London, Jules Präfekt in Lyon und Botschafter in Madrid und Berlin wurde. Sie stellten mir einen jungen Journalisten vor, von demsie mir sagten, er habe „un drole de passe“, aber Geist, Gewandtheit undCamille vor allem einen brennenden Ehrgeiz. Er hieß Camille Barrere. Er hatteBarrere a ] s j un ger Schwärmer an der Pariser Commune beteiligt und war
damals Mitarbeiter des „Pere Duchesne“ gewesen, der während der Com-mune die Tradition von Marat wieder aufnahm. Es wurde behauptet, daßBarrere den berüchtigten Artikel geschrieben hätte, in dem der „PereDuchesne“ den Kopf des Erzbischofs Darboy von Paris verlangte. Dieserwurde wirklich von den Kommunisten erschossen. Barrere dagegen hattemit Falstalf gedacht, daß „discretion the better part of valour“ sei, undwar im Mai 1871 rechtzeitig nach London entflohen. Dort hatte er nicht nurseine Vergangenheit in Vergessenheit gebracht, sondern auch perfektEnglisch gelernt und in dem großartigen englischen Milieu seinen politischenHorizont erweitert, was ihm bei seiner späteren diplomatischen Karrierezu großem Vorteil gereichte.
Ein dankbares Andenken bewahre ich auch dem damals schon be-Graf Roger jahrten Grafen Roger du Nord. Frankreich gilt besonders als das Landdu Nord der eleganten und pikanten Frauen. Ich möchte es aber auch für das Landhalten, wo man besonders viele gut erhaltene und dabei gereifte und klugealte Herren findet. Graf Roger du Nord war einer der nächsten Freunde vonAdolphe Thiers gewesen. Er pflegte ihn „le sauveur de la France“ zunennen und hielt ihn neben dem Kardinal Richelieu, Colbert und demFürsten Talleyrand für den größten Staatsmann Frankreichs . Uber alledrei stellte er Henri IV . Über seinem Schreibtisch hing ein schönes Bild,das den populärsten französischen König darstellt, wie er in die HauptstadtFrankreichs einzieht, nachdem er erklärt hat, „que Paris valait bien unemesse“. Während der alte Graf das Bild betrachtete, sagte er einmal zu mir:„Voilä le vrai genie politique! La politique demande des concessions et descombinaisons.“ An Thiers rühmte er die politische Voraussicht, den poli-tischen Mut und die politische Energie. Er habe 1859 den Französisch-Österreichischen Krieg gemißbilligt und vorausgesehen, daß die „sogenannte“Befreiung Italiens Frankreich einen unbequemen Nebenbuhler namentlichim Mittelmeer erwecken würde. Thiers habe in seiner Rede vom 3. Mai 1866,die zu den größten politischen Reden gehöre, die je gehalten worden seien,vorausgesagt, daß der damals am Horizont stehende Krieg zwischenPreußen und Österreich im Falle eines preußischen Sieges für Frankreich