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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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IM FAUBOURG SAINT-GERMAIN

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mich mehr als einmal bei Grippen und Magenverstimmungen ärztlich be-treut und rasch wieder auf die Beine gebracht. Vielleicht wäre ich aber auchohne ihre kleinen weißen Kügelchen genesen. Sie behandelte mich über-haupt mit mütterlicher Güte. Sie hat mich in die Pariser Gesellschaft ein-geführt, wo Geburt und aristokratisches Wesen ihr bald eine große Stellungverschafft hatten. Ich weiß nicht, ob sie immer alle zehn Gebote erfüllt hat,aber das elfte hat sie gewissenhaft befolgt: sie ließ sich nie verblüffen. Ein-mal sagte ihr auf ihrem wöchentlichen Empfangstage in meinem Beiseineine deutsche Dame, eine geborene Bethmann aus der bekannten Frank-furter Bankierfamilie, die einen als Franzosen naturalisierten Schweizer ,Monsieur Hottinger, geheiratet hatte und sich mit dem Eifer der Renegatinganz als Französin gab:Ich wäre schon früher gekommen, aber keinermeiner französischen Freunde konnte mir Ihre Adresse sagen. Ohne mitder Wimper zu zucken, erwiderte die Fürstin von oben herunter:DieLeute, die ich sehen will, wissen, wann ich zu Hause bin. Daß die anderennicht kommen, ist mir besonders angenehm. Sie ging fast jeden Abend mitmir in die sogenannte große Welt. Inzwischen las Fürst Chlodwig zu Hausedie Abendblätter, schrieb Berichte und machte sich Notizen für seine Denk-würdigkeiten, die viele Jahre später nach ihrer Veröffentlichung in sohohem Grade den Zorn des Kaisers Wilhelm II. erregen sollten.

Obwohl seit dem Kriege kaum acht Jahre verflossen waren, habe ichdamals in den meisten Häusern des Faubourg Saint-Germain, des aristo-kratischen Viertels von Paris , verkehrt. Die kluge Gräfin Laferronnayssagte einmal zu mir:Vous voyez combien vous etes bien acceuilli un peupartout. Si vous rencontrez par ci par quelquun qui vous fait mine grisenoubliez pas que nous avons ete, helas, vaincus. Si nous avions ete lesvainqueurs, nous serions a vos pieds. Das war gut gemeint, aber dochnicht ganz zutreffend. Ich höre, daß die Pariser Gesellschaft, nachdem unsFrankreich im Bunde mit der ganzen Welt besiegt hat, Deutschen gegen-über unliebenswürdiger ist als nach der französischen Niederlage von1870/71. Macchiavelli scheint also doch recht zu haben, wenn er meint, daßMenschen auf zweierlei Weise gewonnen und geleitet würden, entwederdurch Furcht oder durch Liebe. Die Furcht sei sicherer.

Mehr Anregung als die in Paris wie überall im Grunde banalen Salonsboten mir zwei Häuser, wo ich mit einer Güte aufgenommen wurde, die mirunvergeßlich geblieben ist. Der Direktor der Banque de France, GeorgesPallain , war ein aufrechter und warmherziger französischer Patriot undein hervorragend tüchtiger Finanzmann. Er war auch ein feinsinnigerSchriftsteller, der die Korrespondenz herausgab, die Talleyrand währenddes Wiener Kongresses mit Louis XVIII führte, und selbst einen inter-essanten Essay über Mirabeau geschrieben hat. Bei ihm begegnete ich zum

Pariser

Salons

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