LOTTES ENKEL
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gebrachte Frankreich . Er befriedigte ganz weder die Dreyfusfreunde noch dieDreyfusfeinde, wie das meistens das Los einer verständigen Politik ist. Aberer stellte durch die Begnadigung von Dreyfus und ein Amnestiegesetz füralle mit der Dreyfus-Affäre zusammenhängenden Strafsachen den innerenFrieden wieder her. Gleichzeitig brachte er im Hinblick darauf, daß diesechsjährigen Dreyfus-Wirren durch klerikale Intrigen hervorgerufenworden waren, trotz dem leidenschaftlichen Widerstand der Rechten eingegen die geistlichen Orden gerichtetes Vereinsgesetz ein. Am Tage, an demer dieses Gesetz durchgesetzt hatte, trat er im Juni 1902 mit dem Bewußt-sein von der Regierung zurück, das französische StaatsschifF durch Sturmund Klippen imgeschädigt in den Hafen geführt zu haben. Zwei Jahrespäter starb er, noch nicht 58 Jahre alt, am Leberkrebs.
Während mir alle Gäste des Grafen Roger mit ausgesuchter Liebens-würdigkeit begegneten, trug nur der Senator Scheurer-Kestner dem Scheurcr-Deutschen gegenüber eine spröde Haltung zur Schau. Dabei sah er mit Kestnerseinen blonden Haaren und mit blondem Bart, groß und breitschultrig,ganz wie ein Deutscher aus. Er entstammte der bekannten MülhausenerIndustriefamilie und war ein Enkel des anmutigen Fräuleins Charlotte Buff, die als noch nicht zwanzigjähriges Mädchen unserem größten Dichter denKopf verdrehte. Als Lotte in Werthers Leiden wurde sie durch Goetheunsterblich. Im irdischen Leben heiratete sie den Reichskammergerichts-sekretär Johann Kestner und wurde die Großmutter chauvinistischerFranzosen. Der Senator Scheurer-Kestner, der übrigens später als einerder ersten mit Unerschrockenheit für Dreyfus eintrat, war französischerals die Franzosen. Es ist ein alter Zug am Deutschen, daß er den feurigstenPatriotismus entwickelt und sich am nationalsten gebärdet, wenn er sicheinem fremden Volkstum angeschlossen hat.
Der gütige Graf Roger du Nord hat mich noch öfters zu Tisch gebeten.
Ich lernte jedesmal interessante Leute bei ihm kennen, aus deren Kon- Der Anti-versation ich lernen konnte und an deren Geist ich mich erfreuen durfte. Der Merikahsmusalte Graf sagte mir einmal über sein Vaterland ein richtiges und tiefes Wort.„Frankreich“ , sprach er zu mir, „ist gleichzeitig die älteste Tochter derKirche und die Mutter der Revolution. (Fille ainee de l’eglise et mere de larevolution.) Das ist ein Vorzug für unsere auswärtige Politik, denn wirkönnen je nach Belieben die schwarze und die rote Karte ausspielen.
Gambetta meint sogar, wir könnten sie gleichzeitig ausspielen. Obwohl erschon vor sechs Jahren in der berühmten Rede von Saint-Julien fürFrankreich die Parole ausgegeben hat: ,le clericalisme, voilä l’ennemi‘,obwohl er noch vor einem Jahr dem klerikalen Kabinett Broglie in derKammer zurief, daß Frankreich keine Pfaffenregierung dulde, will er außer-halb der französischen Grenzen ,1a clientele catholique de la France 4