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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ZENTRALISATION

schützen und gewinnen. Der Antiklerikalismus, meint Gambetta, sei keinAusfuhrartikel. Aber im Innern ist und bleibt der Gegensatz zwischenRevolution und Kirche der tiefste Grund unserer Parteistreitigkeitenwährend der letzten fünfzig Jahre und wird noch zu manchem Kampfführen.

Gambetta hatte mich liebenswürdig aufgefordert, ihn gelegentlich zuGambetta fragt besuchen. Wenn ich dieser freundlichen Einladung Folge leistete, so habenach ich ihn nie verlassen, ohne das Gefühl zu haben, daß ich eine genußreicheDeutschland un ( j interessante Stunde mit einem sehr bedeutenden Mann verbrachthatte. Seine Gegner warfen ihm gern Oberflächlichkeit und mit VorliebeUnwissenheit vor. Daß er einmal in einer improvisierten Rede die franzö-sische Niederlage bei Crecy als einen der vielen französischen Sieges- undEhrentage erwähnt hatte, wurde ihm immer wieder mit mehr Behagen alsWitz, mit Entrüstung und Hohn vorgeworfen. In Wirklichkeit hatte erungeheuer viel gelesen und nicht nur gelesen, sondern mit einem ungewöhn-lichen Gedächtnis in seinem Gehirn aufgespeichert. Bei meinen Besuchenstellte er mancherlei Fragen an mich über deutsche Zustände und Ein-richtungen, von denen er nicht allzuviel wußte. Ich bemühte mich, ihmunsere verfassungsrechtlichen Zustände klarzumachen, die in ihrer Kom-pliziertheit sein Erstaunen und Befremden erregten. Er begriff schwer,warum Bismarck nicht Deutschland in derselben Weise unifiziert hatte,wie dies Cavour und dessen Nachfolger in Italien geglückt sei. Er ver-stand, daß der deutsche Bundesrat gegenüber dem aus dem allgemeinenStimmrecht hervorgegangenen Reichstag ein konservatives Gegengewichtbilden sollte.Ahvoilä! Le Conseil Federal a les fonctions tres utiles ettres necessaires quexerce chez nous le Senat. Aber das in der Tat sehrkomplizierte Verhältnis zwischen Preußen und dem Reich überstieg seinFassungsvermögen. Sein an lateinische Klarheit,la clarte latine, an dieabstrakten französischen Formeln gewöhntes Denken bäumte sich auf. Alsich ihm sagte, daß die französischen staatsrechtlichen Einrichtungeneinem wohlgepflegten, von Andre Lenötre in Versailles angelegten Gartenglichen, unsere Verfassungszustände aber an einen deutschen Wald er-innerten, erwiderte er mir, daß er den Garten von Lenötre bei weitem vor-ziehe. Er war felsenfest davon überzeugt, daß ein zentralisiertes Land einegrößere Schlagkraft besitze als ein föderativ organisiertes.La force de laFrance reside dans son unite, dans sa centralisation. Nous la devons äRichelieu, le grand Cardinal que jadmire par-dessus tout, ä son successeurMazarin, ä Louis XIV qui merite le surnom ,le Grand 1 pour lenergie aveclaquelle il a maintenu et fortifie lunite de la France, ä la grande Convention,au grand Napoleon. Tous ils ont centralise. Als ich diese Äußerungenspäter gelegentlich dem Fürsten Bismarck erzählte, meinte er:Ein