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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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LEGATIONSRÄTE

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in der Form etwas derbe, inhaltlich nicht unrichtige Bemerkung des FürstenBismarck, daß die Paarung zwischen einem germanischen Hengst und einersemitischen Stute bisweilen nicht üble Resultate ergebe, hatte sich auf zweideutsche Diplomaten bezogen, die damaligen Legationsräte Thielmann undBerchem. Beide hatten jüdische Mütter, beide trugen den Vornamen Max,beide waren arbeitstüchtig und arbeitsfreudig. Beide waren allzu eifrig,etwas vorlaut, nicht immer taktvoll. Bismarck hatte weiter von ihnengesagt:Berchem weiß alles, aber Tliielmann weiß es immer noch besser.Als Graf Berchem in jungen Jahren als Geschäftsträger nach Stockholm geschickt worden war, reichte er über schwedische politische Vorgänge undwirtschaftliche Verhältnisse, über die blauen schwedischen Seen und diestattlichen schwedischen Adels- und Königsschlösser fast täglich Berichteein, deren sachlicher Nutzen nicht ganz ihrem Umfang entsprach. FürstBismarck meinte dazu:Berchem scheint zu glauben, daß er Schweden entdeckt hat. Baron Thielmann kam es in erster Linie darauf an, allesbesser zu wissen und andere zu belehren. Unvergeßlich ist mir ein kleinerVorgang geblieben, der sich im Sommer 1881 zwischen ihm und dem fran-zösischen Minister des Äußern, Herrn Barthelemy Saint-Hilaire , ab-spielte. Der Botschafter Fürst Hohenlohe weilte in Aussee im Salzkammer-gut, Thielmann wünschte Algier kennenzulernen und stellte mich für dieZeit seiner Abwesenheit dem französischen Minister der Auswärtigen An-gelegenheiten als interimistischen Geschäftsträger vor. Barthelemy Saint-Hilaire hatte die Schwelle der siebziger Jahre schon längst überschritten.Er war Professor am College de France . Er galt für einen hervorragendenGelehrten und war ungemein höflich und liebenswürdig. Nicht ohneRedseligkeit entwarf er dem nach Nordafrika fahrenden deutschen Di-plomaten ein Bild der großen französischen Kolonie, die dieser aufsuchenwollte. Fast bei jedem Satz unterbrach ihn der um vierzig Jahre jüngereThiclmann, um den Minister auf Irrtümcr in seiner farbenreichen, wennauch etwas breiten Schilderung aufmerksam zu machen. Schließlich sagteihm dieser:Javais cru vous etre agreable en vous faisant part desimpressions que jai rapportees moi-meme de notre belle colonie africaine.Mais comme vous en savez plus long que moi, je nai plus rien ä vous direet vous souhaite bon voyage.

Tliielmann war ein großer Reisender, der seine Fahrten durch Nord-,Mittel- und Südamerika in einem fast sechshundert Folioseiten langen Werkunter dem TitelVier Wege durch Amerika beschrieben hat. Aber er warkein Diplomat, wenn man unter Diplomatie die Kunst versteht, in einemfremden Land Fuß zu fassen, Beziehungen anzuknüpfen, sich Freunde zumachen und damit sich Einfluß und seinem Lande Sympathien zu ge-winnen. Er erwarb sich im weiteren Lauf seiner Karriere den Ruf ungewölm-

Thielmannund GrafBerchem