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DIE WEISSE MAUS
„Egalite“ für baren Unsinn, weil unmöglich, die „Liberte“ für nur so weitzulässig, wie das staatliche Interesse nicht darunter litte. Wie Gambetta forderte er „une France blindee et cuirassee“, ein bombenfestes und ge-panzertes Frankreich , und erklärte noch 1885, durch die Schule und durchein möglichst hartes Militärgesetz müßte das französische Volk bis in dieKnochen militarisiert werden. Sein Testament schloß mit den Worten:„Ich wünsche, in Saint-Die begraben zu werden, im Angesicht der blauenLinie der Vogesen (la ligne bleue des Vosges), damit ich, solange der Elsaßvon Frankreich getrennt ist, seine Klagen und, wenn er wieder mit Frank-reich vereinigt wird, seinen Jubel hören kann.“ Vom französischen Stand-punkt aus verdient er die Denkmäler, die ihm nach seinem Tode, zum Teilvon denselben Leuten, die ihn bei seinen Lebzeiten angegriffen, beschimpftund gestürzt hatten, in Tunis , in Haifong, dem Seehafen von Tongking, undin seiner Geburtsstadt Saint-Die errichtet wurden. Sein giftigster Feindwar Georges Clemenceau , der ihn fast ebenso gehässig angriff, wie erGambetta befehdete.
War Ferry das Bild eines starken und knorrigen Ostfranzosen, so warFreycinet Herr von Freycinet ein feingliedriger, ungemein liebenswürdiger undhöflicher Sohn des französischen Südens. Man nannte ihn „la sourisblanche“, aber in seinem zarten Körper wohnte eine starke Seele. Er warwährend des Kriegswinters 1870/71 der militärische Berater von Gambetta gewesen. Ein so kompetenter Beurteiler wie der von mir schon erwähntelangjährige deutsche Militärattache in Paris , Adolf Bülow, hat mir vonFreycinet gesagt, daß dieser Ingenieur, obwohl er nie Militär gewesen warund mit kaum zweiundvierzig Jahren zur Leitung des französischenWiderstandes berufen wurde, unter den schwierigsten Verhältnissen größeremilitärische Fähigkeiten an den Tag gelegt habe als manche langgedienteGeneräle in weniger kritischer Lage. Die Beziehungen der Botschaft zuFreycinet waren sehr gut. Der Fürst und die Fürstin Hohenlohe verkehrtenfreundschaftlich mit der Familie Freycinet, und der Fürst meinte einmalscherzend zu mir: „Eigentlich könnten wir die Brücke zwischen Frankreich und Deutschland dadurch schlagen, daß Philipp-Ernst Fräulein vonFreycinet heiratet.“ Philipp-Ernst war der älteste Sohn des Fürsten . Allesolche kleine Liebenswürdigkeiten haben nicht verhindert, daß Freycinetmit besonderem Eifer an dem Zustandebringen einer Allianz zwischenFrankreich und Rußland gearbeitet hat. Daß seine Bemühungen Erfolghatten, war allerdings nicht nur sein Verdienst, sondern die Schuld der-jenigen, die bei uns den Bismarckschen Rückversicherungsvertrag nichterneuern wollten.
Erster Sekretär unserer Pariser Botschaft, als deren Zweiter Sekretärich nach Paris kam, war der Legationsrat von Thielmann. Die bekannte,