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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE TONGKING-EXPEDITION

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verfaßt hatte, die den Grund zu seinem Aufstieg und seiner großen politi-schen Karriere legte. Die phantastischen Erzählungen vonE.T.A.Hoffmann sind in Frankreich bekannter und populärer als bei uns in Deutschland .Unter dem Titel:Les contes fantastiques dHaussmann veröffentlichteFerry ein Jahr vor dem Sturz des Kaiserreiches einen scharfen Angriffgegen den Seine-Präfekten Haußmann, der unter Napoleon III. durchgewaltige Umbauten, die zu ungeheuren Schulden führten, Paris moderni-siert hatte. Das Wortspiel: Comptes (Rechnungen) Contes (Erzählungen)machte Jules Ferry mit einem Schlage berühmt. Die Tongking-Expeditionmachte ihn zeitweise zum verhaßtesten Mann in Frankreich . Als 1885 diefalsche Nachricht von einer schweren französischen Niederlage bei Lang-Son im nordöstlichen Tongking in Paris ein traf, mußte der MinisterpräsidentFerry auf einer Leiter über die Mauer zwischen dem Palais Bourbon unddem Garten des Auswärtigen Amtes klettern, um dem Pöbel nicht in dieHände zu fallen, der vor der Deputiertenkammer auf ihn lauerte und ihnin Stücke reißen wollte. Kein französischer Staatsmann hat unter derDummheit und Ungerechtigkeit derturba mobilium Quiritium mehr zuleiden gehabt als Jules Ferry . Man beschuldigte ihn der Hinneigung zuDeutschland . Ich war selbst Zeuge, wie Ferry auf der Straße vor derDeputiertenkammer höhnischBismarck zugerufen wurde. In Wirklich-keit war Jules Ferry ein Chauvinist vom reinsten Wasser. Er gehörte zu denGründern der Patriotenliga. Frankreich verdankt ihm die Erwerbung vonTunis und Tongking. Seine Gegner behaupteten, er habe sich von Bismarcknach Tunis und Tongking locken lassen, um die französische Volksseele vonElsaß-Lothringen abzulenken, Frankreich mit Italien zu verfeinden unddie französische Armee zu zerrütten. In Wirklichkeit sah er hier weiter alsBismarck , der bis zu einem gewissen Grade hoffte, daß große Kolonial-Erwerbungen die Franzosen über den Verlust der drei östlichen Departe-ments trösten würden. Ferry wußte, daß die französischen Gedanken immerwieder zu Straßburg und Metz zurückkehren würden. Inzwischen abersteckte er unter wohlwollender deutscher Duldung große, schöne, zukunfts-reiche Ländergebiete ein.

Mit Ferry zu unterhandeln, wie mir dies während meiner Geschäfts-trägerzeit wiederholt oblag, war nicht leicht. Man merkte ihm bei jedemWort seinen tiefen Haß gegen Deutschland an. Er sah überall Fallen, auchwo solche gar nicht vorhanden waren. Ich kam aber schließlich mit voll-kommener Ruhe, Sachlichkeit und Höflichkeit auch mit ihm gut aus.Gelegentlich hat er sich mit mir auch über andere als laufende politischeAngelegenheiten freundlich unterhalten. Er war durch und durch autoritärund verachtete innerlich die platte Demokratie. Die Fraternitc, namentlichdie internationaleFraternite, erklärte er für eine alberne Phrase, die

Ferrys

Testament

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