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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GREVYS SCHWIEGERSOHN

trockene Witze berühmt sind, dort nicht ungern einen gemütlichen Skatspielen, wenn es die Höflichkeit erfordert, aber auch ein Lhombre-Spielmit älteren Damen riskieren. Grevy trug, wie viele seiner Berufsgenossenvom Barreau, starke weiße Bartkoteletten, die der Franzose Favoris nennt.Oberlippe und Kinn waren glatt rasiert, der Schädel war völlig kahl. Sowar Jules Grevy der typische Avoue, und jedem Schauspieler, der seineMaske kopiert hätte, wäre Erfolg sicher gewesen. Er hätte bis an seinLebensende Präsident bleiben können, wenn er nicht einen Schwiegersohngehabt hätte, an dem er politisch zugrunde ging. Mancher Politiker ist anseiner Frau gescheitert, mancher an seinen Söhnen. Jules Grevy ist meinesWissens der einzige, den sein Schwiegersohn auf dem Gewissen hat. DieserSchwiegersohn hieß Daniel Wilson. Er war der Sohn eines Engländers,sehr reich, ein Lebemann, der sich das historische Schloß Chenonceauxgekauft hatte, wo er glänzende Feste gab. Chenonceaux war noch schöner,jedenfalls vornehmer als der Schwanenwerder bei Berlin , w r o unter derRepublik große Männer der deutschen Sozialdemokratie sich amüsierten.Wilson war erfüllt von politischem Ehrgeiz. Er gründete eine täglich er-scheinende ZeitungLa petite France, in der er Gambetta und nach dessenTode dessen Parteifreunde nicht ohne Gehässigkeit angriff. Er machte sichdas nur dem Präsidenten zustehende Recht der unentgeltlichen Brief-beförderung zunutze, um nicht allein seine Privatkorrespondenz, sondernauchLa petite France unfrankiert zu versenden. Er hatte auch voneinem Reeder in Havre hunderttausend Francs für sein Zeitungsunter-nehmen bekommen und dem Geber dafür das rote Bändchen der Ehren-legion verschafft. Biedermann in jeder Beziehung, hatte sich Jules Grevy nicht von seiner einzigen Tochter Alice trennen wollen. Alice wollte ihrengeliebten Daniel nicht verlassen, und so wohnte dieser unter dem schwieger-väterlichen Dach im Elysee -Palast und riß den alten Grevy mit ins Ver-derben. Jules Grevy hat im Dezember 1887, drei Jahre nachdem ich Paris verlassen hatte, gerade achtzig Jahre alt, seine Würde niedergelegt. Er isteinige Jahre später im Jura, in seiner Heimat, gestorben. Er hatte die Freudegehabt, Gambetta , den er nicht ausstehen konnte, vor sich sterben zu sehen.

Jules Ferry war nicht weniger Biedermann als Jules Grevy. Er warJules Ferry nicht so sympathisch wie Leon Gambetta. Im Gegensatz zu diesem war erkeine große Natur. Er stammte aus dem östlichen Frankreich, aus Saint-Die im Vogesen-Departement, wo seine Vorfahren seit Jahrhunderten an-gesehene Bürger gewesen waren. Er war groß, blond, breitschulterig, miteckigen Bewegungen. Gambetta, der ihn an sich persönlich nicht besondersmochte, hat von ihm gesagt, er würde, wenn er die militärische Laufbahneingeschlagen hätte, ein Ney oder Murat geworden sein. Es war schwer zuglauben, daß dieser ernste Mann in seiner Jugend eine satirische Broschüre