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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DAS BEISPIEL AN DER WAND

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niederlegung der Arbeitnehmer unorganisierte Arbeiter eingestellt. SolcheStreikbrecher nennt man in Frankreich les Jaunes. Als es zu Prügeleienzwischen den Streikenden und den Streikbrechern kam, intervenierte dieKompanie, die auf den Schauplatz des Streiks geschickt worden war, derkommandierende Offizier ließ sofort Feuer geben, mehrere Arbeiter bliebentot auf der Strecke. Der Offizier wurde durch einen Steinwurf leicht ver-letzt. Der Ministerpräsident empfand es als seine Pflicht, selbst nach demRechten zu sehen. Als er an Ort und Stelle erschien, empfing ihn eineArbeiterdeputation, die ihn bat, dem Begräbnis ihrer erschossenen Kame-raden beizuwohnen. Unwirsch und mit lauter Stimme erwiderte Clemenceau ,er beteilige sich nicht an Ehrenbezeigungen für Männer, die das Gesetz ver-letzt hätten. Dann befahl er, daß man ihn nach dem Krankenhaus zu demverwundeten Offizier führen möge. Dort eingetroffen, holte er ein Abzeichender Ehrenlegion aus der Tasche, überreichte es dem Offizier und gab ihmdieAkkolade, das heißt er umarmte und küßte ihn. Als einige Tagespäter in der Französischen Deputiertenkammer diese Vorgänge zur Sprachekamen, wurde Clemenceau an die Reden erinnert, die er mehr als einmal beiKämpfen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zugunsten der Strei-kenden gehalten hatte. Er erwiderte mit ebensoviel Witz wie Geist undgesundem Menschenverstand:Alors jetais de lautre cote de la barricade.

A present je suis a la tete du gouvernement et responsable de lordre et delavenir de la France. Jai agi en consequence. Die französischen Republi-kaner wollten den Deutschen nicht das Beispiel vor Augen führen, das diebetrunkenen Heloten der spartanischen Jugend gaben.

Die Dritte Republik hat in Frankreich während ihres ganzen Bestehensdie Ordnung mit unerschütterlicher Festigkeit aufrechterhalten. Deshalbaber war Harry Arnim doch nicht im Recht, wenn er gegenüber Bismarckdie Ansicht vertrat, daß ein monarchisches Frankreich für uns einem repu-blikanischen vorzuziehen wäre. Mit der Französischen Republik haben wir,obwohl sie uns nicht den Gefallen tat, sich für uns als abschreckendes Bei-spiel für unsere demokratischen Kinder an die Wand malen zu lassen, undtrotz des hitzigen Patriotismus auch der Republikaner und selbst ihrerstillen Revanchehoffnungen über vierzig Jahre in Frieden gelebt. Wirhätten noch länger mit der Französischen Republik in Frieden lebenkönnen, wenn unsere diplomatische Leitung in den tragischen Julitagen1914 weniger ungeschickt, weniger kopflos operiert hätte.

Von den drei Jules, die nach dem Deutsch- Französischen Kriege eineRolle in Frankreich spielten, Jules Simon, Jules Grevy und Jules Ferry, Die Affärewar Grevy der unbedeutendste. Er erinnerte mich äußerlich an alte WilsonBerliner Justizräte, die im Gerichtssaal durch Sachlichkeit, Ruhe undjuristischen Scharfsinn glänzen, im Klub für ihren Humor und gelegentliche

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