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THIERS BEI DER TRUPPENSCHAU
Wiegenlied gewesen, von der Lamartine mit Recht gesagt hat, „qu’ellereste gravee ä jamais dans l’äme de la France“. Danton hatte die Republik auf die belgischen und deutschen, Gambetta auf die Schlachtfelder derLoire und der Somme geführt. Die Armee war der französischen Demo-kratie in allen ihren Schattierungen ebenso teuer wie jedem andern Fran-zosen. Gambetta hatte gesagt, die Armee sei die letzte Hoffnung undmüsse der erste Gedanke jedes guten Franzosen sein. Als Thiers im Juni1871 bei der Truppenschau in Longchamps nach der blutigen Niederwerfungdes Commune-Aufstandes über die goldene Einfassung seiner BriUe hinwegauf die an ihm vorbeimarschierenden Truppen blickte, die, kaum aus deut-scher Gefangenschaft zurückgekehrt, in sechs Wochen einer harten Be-lagerung und in sehr heftigen Straßenkämpfen mit der sozialistischenEmpörung fertig geworden waren, liefen dem patriotischen Greis Tränender Freude und der Begeisterung über die Wangen. Als der radikaleGeorges Clemenceau nach dem Ende des für Frankreich siegreichen Welt-krieges von seinen Verehrern gefragt wurde, wie er das Denkmal wünsche,das ihm nach seinem Tode von seinem dankbaren Vaterland errichtetwerden würde, meinte er, man möge ihn am Rande eines SchützengrabensdarsteHen, aus dem ihm französische Soldaten, „les poilus“, als ihremFührer im Kampfe „jusqu’au bout“ zujubelten.
Es war auch ein Irrtum des Fürsten Bismarck, wenn er glaubte, daß eineDie andere Republik in Frankreich durch fortgesetzte innere Parteikämpfe, StreiksSeite der und revolutionäre Unruhen so geschwächt werden würde, daß sie nachBarrikade au ß en n i c ht mehr aktionsfähig sein könnte. Die Französische Republik hatsehr wohl verstanden, die innere Ruhe aufrechtzuerhalten, mit fester,nötigenfalls mit harter Hand. Bei Streiks griff sie schärfer zu als je einedeutsche Regierung. Nach Beilegung des Bergarbeiterstreiks vom Winter1905 sprach mir der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon ,seine Verwunderung und seine ehrliche Bewunderung darüber aus, daßdieser Riesenaufstand ohne Blutvergießen vorübergegangen sei. „Bei unsin Frankreich “, fügte er hinzu, „wird bei Ausständen fast immer ge-schossen.“ In dieser Beziehung war einer der hervorragendsten französischenStaatsmänner, Adolphe Thiers , seinen Nachfolgern mit gutem Beispielvorangegangen. Wenige Jahre nachdem er sich selbst an der Juli-Revo-lution gegen Karl X. beteiligt hatte, schickte er als Minister des Innern desKönigs Ludwig-Philipp die Arbeiter des Lyoner Viertels, der Croix Rousseund der Pariser Rue Transnonain, die nach dem Vorbild von 1830 nocheinmal Barrikaden aufgeworfen hatten, ohne Erbarmen auf das Schafott.Siebzig Jahre später zeigte Georges Clemenceau dieselbe Wandlungsfähig-keit wie vor ihm Adolphe Thiers. In Südfrankreich war ein Streik aus-gebrochen. Wie gewöhnlich hatten die Arbeitgeber nach der Arbeits-