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Dagegen hat sich die Erwartung des großen Staatsmannes, daß ein republi-kanisches Frankreich im Gegensatz zu einer französischen Monarchie nichtallianzfähig sein würde, nicht erfüllt. Er unterschätzte wie die Lebenskraftund Elastizität Frankreichs so auch die Anziehungskraft seiner glänzendenHauptstadt auf die Völker und die Staatsoberhäupter. Er überschätzte dielegitimistische Prinzipientreue der europäischen Souveräne. Die Zeiten derHeiligen Allianz waren vorüber. Der Prinz von Wales war nicht dermystische Zar Alexander I. , König Viktor Emanuel war nicht so starr wieNikolaus I. Selbst der durch und durch autokratisch angelegte Alexan-der III. , der weder die Revolution noch die Republiken liebte, hat sich mitFrankreich verbündet, allerdings erst, nachdem Caprivi, Marschall undHolstein mit Zustimmung des Kaisers Wilhelm II. den von Bismarck ab-geschlossenen Rückversicherungsvertrag mit Rußland noch dazu in un-geschickter und unhöflicher Weise gekündigt und damit den Eckstein ausdem Bismarckschen Quaderbau herausgerissen hatten. Auch nachdem sichdie republikanische Regierungsform in Frankreich nicht nur äußerlich,sondern auch innerlich befestigt hatte, pilgerten die europäischen Prinzenund Fürsten nach Paris, ■wie sie seit Jahrzehnten das Paris der Bourbons,der Orleans und der Bonapartes aufgesucht hatten. Der englische Thron-folger und die russischen Großfürsten gingen dabei allen anderen mit gutemoder vielmehr mit bösem Beispiel voran.
Wenn Fürst Bismarck angenommen hatte, daß ein republikanischesFrankreich militärisch weniger gefährlich sein würde als ein monarchisches, Die fran-ko hat sich auch das als ein Irrtum herausgestellt. Bismarck beurteilte die zösischefranzösische Demokratie zu sehr nach unserer deutschen. Er sah die Demokratie
deutsche Demokratie vor sich: die Schulze-Delitzsch und Rudolf Virchow , .
Armee
die Johann Jacoby und Waldeck, die ganz pazifistisch fühlten, denen allesMilitärische in tiefer, innerer Seele verhaßt war, die für internationale Ver-brüderung schwärmten. Die französische Demokratie war anders geartet alsdie deutsche. Und die französische Sozialdemokratie war erst recht ver-schieden von der deutschen, wie das Millerand, Viviani, Briand, AlbertThomas den deutschen Genossen im Weltkrieg und nach dem Weltkrieggezeigt haben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Jaures , auf denmanche sentimentale Deutsche ihre Hoffnung gesetzt hatten, wenn er nichtbeim Beginn des Weltkrieges ermordet worden wäre, sich ebenso patriotischbenommen haben würde wie seine Freunde und Parteigenossen. Blieb dochselbst Gustave Herve nicht zurück, der vor dem Weltkrieg erklärt hatte,die französischen Fahnen gehörten auf den Mist. Nach dem Gesetz derPendelschwingung verwandelte er sich aus einem outrierten Pazifisten ineinen ebenso outrierten Chauvinisten. Die Traditionen der französischenDemokratie sind chauvinistisch, nationalistisch. Die Marseillaise war ihr