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EIN NEUER PRÄSIDENT
geborene de la Croix de Costries, aus alter und vornehmer Familie. Seinältester Sohn hat später eine Prinzessin von Orleans geheiratet. Ungeschicktwie das ganze politische Verhalten des Marschalls war auch sein Abgang.Gambetta hatte ihm 1877 zugerufen, daß ihm, wenn er sich den auf dieErrichtung und Konsolidierung des republikanischen Regierungssystemsgerichteten Wünschen des französischen Volkes widersetzen sollte, nichtsanderes übrigbleiben würde, que se soumettre ou se demettre. Statt deneinen oder den andern Weg zu wählen, tat der Marschall beides. Erst unter-warf er sich, dann trat er zurück.
In den interessanten Tagen, in denen der Rücktritt des Marschalls MacMac Mahons Mahon erfolgte, fungierte ich, damals Zweiter Sekretär der Botschaft, als Ge-Rücktritt schäftsträger, da Fürst Hohenlohe zum Ordensfest nach Berlin gefahrenwar und der Erste Sekretär der Botschaft, Herr von Thielmann, Nizza unddie Cote d’azur aufgesucht hatte. Am 29. Januar 1879 ließ mir der BankierErlanger sagen, er habe mir etwas Interessantes mitzuteilen. Als ich beiihm eintrat, zeigte er mir einen Brief, in dem ihm der Adjutant des Mar-schall-Präsidenten, der Marquis d’Abzac, vertraulich mitteilte, daß derMarschall am nächsten Tage sein Amt als Präsident der Republik nieder-legen würde. „Telegraphieren Sie das sofort an Bismarck, das ist einepolitische Primeur.“ Es war sehr gütig von Baron Erlanger, daß er michauf diese Weise in den Stand setzte, diese immerhin bedeutende Nachrichtals erster nach Berlin zu melden. Ich habe seinerzeit erzählt, daß mein vor-nehm und menschlich fühlender Vater in Frankfurt a. M. für die Aufnahmedes Barons Erlanger in den Diplomatischen Klub eingetreten war, obwohlder große Baron Karl von Rothschild gemeint hatte, Erlanger sei schließ-lich doch nur „un miserable juif“. Man ersieht hieraus, daß gute Hand-lungen nicht immer unbelohnt bleiben, auch wenn sie geringfügig er-scheinen.
Der Rücktritt des Marschalls Mac Mahon, Herzogs von Magenta, undWahl Grevys seine Ersetzung durch den Advokaten Jules Grevy wurde von FürstBismarck mit Befriedigung aufgenommen. Er sah den waschechten Re-publikaner mit Vergnügen an der Spitze von Frankreich. Er betrachtetediesen Wechsel mit Recht als eine bedeutsame Befestigung des republi-kanischen Regierungssystems bei unseren westlichen Nachbarn. Erst nachdem Rücktritt des Marschalls, erst 1879, wurde die Republik in Frankreich eine Wirklichkeit. Das entsprach den Wünschen des Fürsten Bismarck undden Zielen seiner Politik. Er war davon überzeugt, daß ein demokratischesund republikanisches Frankreich friedlicher sein würde als ein monar-chisches. Das war insofern richtig, als eine republikanische Regierung inFrankreich weniger als eine monarchische in Versuchung stand, in einemauswärtigen Kriege Ablenkung für innere Schwierigkeiten zu suchen.