BÜLOWS FREUNDSCHAFT MIT IHM
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Wer Großes will, muß sich zusammenrafTen:
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
Zu meinem Leidwesen ließ Phili den von mir so hochverehrten Goethenicht gelten. In den „Hälmchen und Gräschen“, pflegte er zu sagen, steckemehr wahre Poesie als in allen Epigrammen von Goethe. Die „Hälmchenund Gräschen“ waren eine Sammlung lyrischer Gedichte, die seine kaumachtzehnjährige Nichte Kainein verfaßt hatte. Eulenburg stellte JosefMaria von Radowitz über Bismarck, Friedrich Wilhelm II. war ihmsympathischer als der Alte Fritz. Er liebte überhaupt keine Charaktere, dienach seiner Erfahrung im näheren Umgang unausstehlich seien. Anderer-seits fühlte er sich selbst so weich und schwach, daß er sich notwendig anStärkere anlehnen müsse. Unser gemeinsamer Freund, der hochbegabteKarl Dörnberg, der, zu früh für den deutschen auswärtigen Dienst undfür das Land, jung in St. Petersburg an der Diphtheritis starb, hattePhilipp Eulenhurg den Spitznamen „Philine“ gegeben. Der geistvolleDirektor, erst des Hamburger Schauspielhauses, dann des Wiener Burg-theaters, Alfred Berger, verglich ihn mit einer Zwiebel, an der man immerneue Häute entdecke.
Ich habe selten ein schöneres Familienleben gesehen als das im HausePhilipp Eulenburg . Seine Frau betete ihn an. Die Kinder blickten mitzärtlicher Bewunderung zu beiden Eltern auf. Als Beamter war Philiunbrauchbar. Das benutzte Thielmann, erst, um ihn zu belehren, dann, umihn zu kujonieren und ihm das Leben nach Möglichkeit zu verleiden. Dasdauerte so lange, bis ich Thielmann sein unschönes Benehmen ernstlichverwies. Mein Eintreten für den armen Phili legte den Grund zu unsererlangjährigen Freundschaft. Wenn Phili mir vom ersten Tage an mitenthusiastischer Freundschaft und Liebe entgegenkam, so flößte er mirseinerseits große Sympathie ein. Ich bin durch mein ganzes Leben, in meinerJugend wie in meinem Alter, für Charme und Geist empfänglich gewesen.So geriet ich bald unter den Zauber von Eulenburg, und ich habe nie ganzaufgehört, diesen Zauber zu empfinden. Nach meinem guten, treuen FranzArenberg und mit Herbert Bismarck und Friedrich Vitzthum ist PhilippEulenburg wohl derjenige meiner Freunde, der meinem Herzen am nächstengestanden hat.
Der Tradition seiner Familie entsprechend, war Philipp in jungen Jahrenbei den Gardes-du-Corps in Potsdam als Avantageur eingetreten. Er warals Militär ebenso imtüchtig wie als Beamter, nur daß die militärischeZucht strenger und härter ist als die bürokratische. Phili hat mir seinePotsdamer Dienstzeit oft als die gräßlichste Zeit seines Lehens bezeichnet.