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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN MENSCHENVERÄCHTER

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Durch und durch Realist, sentimentalen Neigungen selten zugänglich, hierund da (mehr aus Laune als aus ethischen Motiven) menschenfreundlich,im allgemeinen voll Verachtung für die Menschheit und für den einzelnenMenschen, war er ein nicht ganz sympathischer Typus jener herrischenArbeitgeber, die viel zur Erbitterung der Arbeitnehmer und damit zurVerschärfung der sozialen Gegensätze beigetragen haben. Aber er war einGeschäftsmann im allergrößten Stil, eine der klarsten und schärfstenwirtschaftlichen Intelligenzen, denen ich begegnet bin. Cecil Rhodes undPierpont Morgan waren ihm geistesverwandt. Mit Guido Henckel ökono-mische Fragen zu besprechen oder industrielle Anlagen zu besichtigen, warin hohem Grade lehrreich. Albert Ballin , gewiß ein zuständiger Beurteiler,hat mir mehr als einmal nach Besprechungen mit Guido Henckel gesagt:Er ist der bedeutendste Industrielle und gleichzeitig der geschicktesteBankier, den wir in Deutschland haben. Es gab nur einen Industriellen,den Ballin geistig und als Willenskraft neben Graf Henckel stellte,Hugo Stinnes .

Graf Guido Henckel war achtundvierzig Jahre alt, als ich ihm in Paris nähertrat. Er war der Sohn des Grafen Karl Lazarus, dessen ich als desersten Kommandeurs des National-Husaren-Regiments gedacht habe, dasruhmvoll in den Freiheitskriegen focht und aus dem später das Königs-Husaren-Regiment hervorging. Guido Henckel war wegen seiner ungewöhn-lichen Kapazitäten vom Fürsten Bismarck seit jeher beachtet worden. Zueinem wirklich vertrauensvollen Verhältnis kam es aber zwischen beidennicht, solange Bismarck im Amte war. Der große Mann, der mißtrauischwar und schwer vergaß, grollte innerlich Henckel wegen der intimen Be-ziehungen, die diesen einst mit Harry Arnim verbunden hatten. Sogehörte Guido Henckel zu denjenigen, über die vor dem Sturze des FürstenBismarck im Hause Bismarck nicht immer freundlich gesprochen wurde,die aber trotzdem nach dem Sturze des Titanen in unerschütterlicher Treuezu dem entamteten und verfolgten Bismarck standen. Mit dem spätemFeldmarschall Graf Alfred Waldersee war Guido Henckel zeitlebens engbefreundet, dagegen wurde er, auch zeitlebens, von Holstein mit geradezufanatischem Haß verfolgt. Freier Standesherr auf Beuthen, Erbherr vonvier Fideikommißherrschaften und neun Allodialrittergütern in Ober-schlesien, von acht Starosteien in Russisch-Polen und Galizien, Erb-Oberlandmundschenk im Herzogtum Schlesien, erbliches Mitglied desPreußischen Herrenhauses, schien Graf Guido für die korrekte Existenzeines schlesischen Magnaten prädestiniert, wenn ihn nicht, wie manchenandern, Gott Amor aus den üblichen gesellschaftlichen Geleisen geworfenhätte. Das Merkwürdigste an Graf Guido Henckel war seine Frau. AlsSarah Lachmann in Neiße 1826 von armen jüdischen Eltern geboren, war

Henckel-Donners-marckserste Ehe