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DIE PAlVA
sie in jungen Jahren verführt, dann verlassen worden. Nach einer längerenIrrfahrt durch Polen und Rußland war sie in Moskau von dem französischenPianisten H. bemerkt worden, von dem sie später ein russischer Fürst D.übernahm, der sie nach Paris brachte. Als der Russe starb, verfiel sie demElend. Es wurde in Paris erzählt, daß eines Abends in der Avenue desChamps-Elysees ein „Sergeant de ville“ sie roh angefahren und mit einembrutalen Stoß zu Boden geworfen habe. Als sie sich mühsam wieder erhob,soll sie sich gelobt haben, an dieser Stelle ihrer größten Schmach einmalein schönes Palais für sich zu erbauen. Jedenfalls lächelte ihr nach tiefstemFall bald das Glück. Sie begegnete dem um vier Jahre jüngeren, reichenGrafen Guido Henckel , den sie seitdem bis zu ihrem 1884 erfolgten Todevöllig beherrschte. Da ihr und ihm ihr bisheriger Familienname so weniggefiel wie ihr Vorname, so vertauschte sie den letzteren mit dem besserklingenden „Blanche“ (die Weiße, die Reine). Gleichzeitig sicherte ihr GrafHenckel als Gatten einen verkrachten portugiesischen Diplomaten, undso wurde sie die Marquise Blanche de Paiva .
Bismarck, der schon vor dem Deutsch -Französischen Krieg von denFähigkeiten des Grafen Guido Henckel gehört hatte, ließ ihn nach Sedan indas Hauptquartier kommen und sagte ihm, daß er ihn für Metz in Aussichtgenommen habe, sobald diese Stadt kapituliert haben würde. Henckel hatmir oft erzählt, daß Bismarck ihm schon damals, Mitte September 1870,vertraulich gesagt habe, Metz müsse deutsch werden. Als Präfekt vonMetz schnitt Henckel gut ab. Noch zwei Jahre später, als ich in Metz amLandgericht und an der Präfektur arbeitete, sagte mir ein biederer MetzerBürger: „Le comte Henckel! Ah, voilä un prefet qui nous plaisait. II sepromenait dans un beau phaeton qu’il conduisait lui-meme. II avait a cötede lui sa maitresse, une cocotte tres-chic. En somme, un homme fortdistingue.“
Für die Waffenstillstandsverhandlungen in Versailles wurde Henckel insHenckel und Hauptquartier zitiert. Gegenüber Bleichröder , der gemeint hatte,Blcichröder Frankreich könne höchstens eine Milliarde Kriegsentschädigung zahlen,vertrat Henckel die richtigere Ansicht, daß das reiche Land mit Leichtigkeit5 Milliarden aufbringen würde. Er begründete diese seine Ansicht in einerwährend der Nacht in wenigen Stunden aufgesetzten, glänzend geschriebenenDenkschrift, für die er als statistische Grundlage nur den GothaischenKalender hatte benutzen können. Allerdings kam ihm sein vortrefflichesGedächtnis zu Hilfe. Als Fürst Bismarck nach der Wiederherstellung desFriedens Henckel frug, ob er preußischer Finanzminister werden wolle,lehnte dieser jede amtliche Verwendung mit der Motivierung ab, daß er imBegriff stehe, eine Heirat zu schließen, die mit einer amtlichen Stellungnicht vereinbar sei.