DINERGÄSTE
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Er heiratete im Oktober 1871 in Paris die Marquise de Palva, derenportugiesischer Scheingatte sich inzwischen erschossen hatte, und hat mit Der Palast inihr noch dreizehn Jahre in glücklicher Ehe gelebt, in dem prachtvollen den ElysicsPalais, das sich die Gräfin Blanche in der Avenue des Champs-Elyseeserbaut hatte, an derselben Stelle, wo sie einst von dem rohen Sergeant deville mißhandelt worden war. Ich habe oft bei dem Grafen und der GräfinGuido Henckel diniert. Die Zahl der Gerichte und die Raffiniertheit ihrerZubereitung erinnerten an das Gastmahl des Trimalchio, das uns Petronius so prächtig beschrieben hat. Die Unterhaltung bei Tisch drehte sich meistum das Essen. „Comment trouvez-vous ce potage?“ fragte mit Ernst einerder Gäste seinen Nachbarn. Und der Gefragte erwiderte ebenso ernst:
„Avant de repondre ä une question aussi importante il faut reflechirmürement. Ce potage me rappelle un potage que j’ai mange, il y a bien desannees chez le Duc de Morny. Mais l’inoubliable chcf de notre ami Mornyavait une maniere d’assaisonner ses potages que le chef de ce bon Henckeln’a pas encore attrappee.“ Und der andere beruhigend: „Esperons qu’il yarrivera avec le temps. Et alors ses potages seront aussi parfaits que ceuxqu’on mangeait chez Morny .“ Ich brauche kaum zu sagen, daß dieserSybaritismus, eine solche Verbindung von Schlemmerei und geistigemStumpfsinn mir nicht besonders gefielen, und doch waren unter den Gästendes Grafen und der Gräfin Guido Henckel geistreiche Leute. Ich denkedabei an Henry de Houssaye, den Mitarbeiter des „Journal des Debats “und der „Revue des Deux Mondes “, der einen nicht üblen Essay über denliederlich-genialen Alkibiades geschrieben hatte und später interessanteStudien über die Campagne de France des Jahres 1814 und über dieSchlacht von Waterloo veröffentlichte. Er war ein intimer Freund derGräfin Blanche. Ihn hatte sie um eine hübsche Sentenz als Inschrift überder herrlichen Onyx-Treppe ihres Palais gebeten. Henry de Houssayeimprovisierte sofort: „Le vice commc la vertu a ses degres.“ Das Wort„degres“ bedeutet auf französisch sowohl die Treppenstufen wie die Ab-stufungen und Nuancen in moralischer Hinsicht.
Ein häufiger Gast des Hauses war auch der damals schon mehr alssiebzigjährige Emile de Girardin , der Erfinder des modernen franzö- Emilesischen Geschäftsjournalismus. Er rühmte sich, in seinem Leben vierzehn de GirardinZeitungen gegründet zu haben, die er von Zeit zu Zeit wohlgefällig auf-zählte. Er hatte in der konservativen „La Presse“ die Juli-Monarchie, inder „Liberte“ das zweite Kaiserreich, in der „Defense nationale“ Gambetta verteidigt und in der „Union frangaise“ eine förderalistische NeugestaltungFrankreichs vorgeschlagen. Während meiner Pariser Zeit leitete er die„France“. Emile de Girardin hatte die anrüchigsten Börsenspekulationenunternommen. Unter Louis Philippe hatte die Regierung mehrere wegen