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EIN BONAPARTISTISCHER ABENTEURER
Betrügereien gegen ihn schwebende Untersuchungen niederschlagen lassen.Als ganz junger Mensch hatte er den Grafen Alexander Girardin, denOberjägermeister des Königs Karl X. , durch einen Skandalprozeß ge-zwungen, ihn als seinen natürlichen Sohn anzuerkennen. Er war auch einmalder Gatte einer moralisch hoch über ihm stehenden Frau, der gcist- undgemütvollen Schriftstellerin Delphine Gay , gewesen. Er hatte den edlenIdealisten Armand Carrel im Duell erschossen, der, indem er sich 1830 andie Spitze der gegen die Juli-Ordonnanzen des Ministeriums Polignac protestierenden Pariser Journalisten stellte, die Juli-Revolution unddie Juli-Monarchie herbeiführte. Girardin rühmte sich in jedem der vonihm Tag für Tag geschriebenen Leitartikel immer wieder, eine ganz neueIdee zu lancieren. „Une idee par jour“ war sein Wahlspruch. In seinemAuftreten, seinem Aussehen, seiner Konversation war er der verkörperteZynismus.
Auch der General Fleury war eine interessante Erscheinung. NachdemGeneral er als junger Mensch sein Vermögen verspielt hatte, war er unter der Juli-Fleury Monarchie mit zweiundzwanzig Jahren in Algier Spahi geworden, hattesich brav geschlagen und war bald zum Schwadronschef avanciert. 1848trat er dem damaligen Präsidenten der Französischen Republik, LouisNapoleon, näher, der Leute wie ihn brauchen konnte. Fleury und Morny bereiteten den Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 vor und führten ihnmit Umsicht und Energie durch. Nach der Proklamierung des Kaiserreichszum Adjutanten des Kaisers, Senator und Großstallmeister ernannt, genoßer das volle Vertrauen des Kaisers Napoleon III. wie der Kaiserin Eugenie ,für deren besonderen Günstling er galt. Emile de Girardin vertraute mireinmal bei Henckel an, allerdings, nachdem er viel guten Chäteau-Margauxgetrunken hatte, daß General Fleury der wirkliche Vater des PrinceImperial gewesen sei. „Au moins“, fügte er hinzu, „Fleury est Fran$ais,tandis que le vrai pere de Napoleon III etait un amiral hollandais.“ ImHerbst 1869 war General Fleury zum französischen Botschafter inSt. Petersburg ernannt worden. Als solcher erlebte er den Ausbruch desDeutsch-Französischen Krieges, die Niederlage Frankreichs , den Donner-schlag von Sedan. Ich habe schon in Paris und später von französischendiplomatischen Kollegen erzählen hören, daß Fleury, als er diese traurigeMär hörte, zunächst sprachlos war. Dann entlud sich seine Erregung ineinem soldatischen Fluch, der schwer wiederzugeben wäre, und schließlichmeinte er: „C’est egal! Nous nous sommes bien amuses.“ Die Frivolitätdes bonapartistischen Abenteurers stand auf der Höhe des Leichtsinnes,mit dem, wie ich schon erwähnt habe, vier Jahre früher der altösterreichischeKavalier Fürst Richard Metternich die Nachricht von der Niederlage seinesVaterlandes bei Königgrätz aufgenommen hatte.