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WILHELM I. IM HEILBAD
wollte gern. Gräfin von Keßler werden. Sie verhehlte diesen ihren glühendenWunsch nicht meinem lieben Freund, dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß,als er ihr, natürlich wiederum en tout bien et en tout honneur, ein Jahrspäter, 1880, in demselben Ems den Hof machte. Den preußischen Grafen-titel vermochte er ihr nicht zu verschaffen, aber es gelang ihm, bei seinemVetter, dem Fürsten Heinrich XIV. Reuß (jüngere Linie), die Erhebung desHerrn von Keßler in den Fürstlich Reußischen Grafenstand zu erlangen.Das hatte für die deutschen Duodezfürsten die betrübende Folge, daß ihnenvon Berlin aus nach vorhergegangener Verständigung unter den vierKönigreichen Erhebungen in den Grafenstand untersagt wurden. Aber derbrave Keßler, der als Kommis in dem Kaufmannshaus Auffmort die Arenades Lebens betreten hatte, blieb Reuß-, Greiz-, Schleiz - und Loben-steinscher „Graf “ Keßler. Nur daß außerhalb des kaum hundertfünfzig-tausend Einwohner zählenden Fürstentums Reuß sein Grafentitel nichtanerkannt wurde, insbesondere nicht in Preußen . Das hat nicht verhindert,daß der Sohn des Reußischen (jüngere Linie) Grafen Keßler sich unter demrepublikanischen Regime im Auslande als „Graf “ diplomatisch betätigenkonnte. Die Mutter hat übrigens in der Folgezeit bewiesen, daß sie nicht nurdistinguierte Deutsche zu bezaubern verstand. Zu ihren späteren Anbeterngehörte auch der General Boulanger , der ihr aber schließlich Madame deBonnemain vorzog, auf deren Grabe er sich am 30. September 1891 inBrüssel erschoß.
Im Juli 1879 wurde ich von meinem trefflichen Pariser Arzt, demKur in Ems Dr. Monod, nach Ems geschickt, um dort durch eine Trink- und Badekurmeinen Hals zu kräftigen, der noch immer bei mir der „locus minoris resisten-tiae“ war. Einige Tage nach meiner Ankunft in Ems traf unser lieber alterKaiser dort zu seinem gewohnten dreiwöchigen Aufenthalt ein. Nichts konnteschlichter und anspruchsloser sein als sein Lehen und Auftreten in Ems.Wer auf dem sogenannten „Pilz“, einer kleinen Terrasse gegenüber demKurhaus, morgens frühstückte, erblickte vor sich an einem Fenster desvom Kaiser im Kurhaus bewohnten bescheidenen Appartements denzweiundachtzigjährigen Herrn, der, schon um neun Uhr, Stöße von Aktenvor sich, seine Tagesarheit begann. Er wandte den Blick nicht von demTisch, an dem er arbeitete. Er öffnete selbst die Kuverts der Briefe, die vorihm lagen, und siegelte sie dann seihst wieder zu. Er machte sich häufigNotizen. Unbeschriebene Blätter der Eingänge schnitt er ab und legte siein seine Schieblade, um sie eintretendenfalls als Konzeptpapier zu ver-wenden. Ems war der einzige Ort, wo der Kaiser Zivilkleidung anlegte. Ertrug einen langen schwarzen Gehrock, eine weiße Weste, eine selbst-gebundene Krawatte und hellfarbige Beinkleider. Diese Beinkleider führtenin jedem Jahr zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen dem