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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE HELLEN PANTALONS

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Kaiser und seinem alten Leibjäger. Der letztere erklärte neue Pantalonsfür imbedingt geboten. Der Kaiser, der nie knickerte, wo würdiges Auf-treten angezeigt war, der für wirkliche Not eine sehr freigebige Hand batte,meinte hinsichtlich der Emser hellfarbenen Pantalons regelmäßig, es würdewohl genügen, die Hose zu wenden. Bis zwölf Uhr saß der Kaiser an seinemSchreibtisch, um erst dann einen kleinen Spaziergang auf der Kurpromenadezu unternehmen. Nachmittags arbeitete er wieder von drei bis fünf undnicht selten bis sechs Uhr, manchmal noch später. Auf der Promenadesprach er gern Bekannte an, immer liebenswürdig, bisweilen mit freund-lichem Scherz, vollkommen natürlich, ohne jede Steifheit oder gar Pose,aber nie anders als in königlicher Haltung. Mit Damen war er von ritter-licher Galanterie, ohne eine Spur von seniler Courmacherei, aber nach demGrundsatz des sonst von ihm sehr verschiedenen Louis XIV. , daß ein wohl-erzogener Mann auch vor einer Kammerfrau den Hut abzieht.

Ich wurde nicht lange nach dem Eintreffen des Kaisers zur Mittagstafelbefohlen. Nach Tisch zog mich der alte Herr in ein längeres Gespräch über Bülow zumfranzösische Zustände. Mein Vater hatte ihm den Bericht vorgelegt, den Kaiserer von mir über meine schon erwähnte und inhaltlich wiedergegebene S c ^ cnUnterredung mit Leon Gambetta erhalten hatte. Der Kaiser hatte in seinerGüte ad marginem meines Berichtes geschrieben:Ich gratuliere demVater des Pariser Berichters wegen der lichtvollen und gediegenen Dar-stellung seines Erlebnisses. An diesen meinen Bericht knüpfte der alteHerr an. Er stellte eine Reihe von Fragen an mich, um zu hören, wie ich überdie Stimmung in Frankreich und die Gefahr eines neuen Krieges zwischenuns und unserem französischen Nachbar dächte. Seine Fragen waren klarund präzise, jedes seiner Worte zeugte von der besten Eigenschaft, die erunter so vielen großen Qualitäten besaß: dem gesunden Menschenverstand.

Er hörte aufmerksam zu, als ich meine Ansicht entwickelte. Er unterbrachnie. Als ich die französische Grundstimmung in die Worte zusammenfaßte:

La France desire la revanche, mais eile veut la paix, fragte er:Undwann wird bei den Franzosen der Wunsch stärker sein als der Wille, wannwird der Wille dem Wunsche folgen? Ich entgegnete, ohne mich zubesinnen:Wenn wir mit Rußland in Krieg geraten. Mit ernstemGesicht entgegnete der alte Kaiser: Das ist auch meine Ansicht.

Während meiner Emser Badekur wurde ich zur Abendtafel bei der inKoblenz weilenden Kaiserin und Königin Augusta eingeladen. Sie war Kaiserindamals achtundsechzig Jahre alt. Ihre Haltung war schon recht gebückt, ^ u g ustaaber ihre Augen, aus denen Geist und Willenskraft sprachen, leuchtetenim alten Feuer. Es war unmöglich, sie sprechen zu hören, ohne an Goethezu denken. Im Gegensatz zu dem Franzosen wie zu dem Italiener fehlt demDeutschen nur zu oft die Ehrfurcht vor seiner Muttersprache, die doch die

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