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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EINE WEIMARANERIN

tiefste wie die zarteste aller Sprachen ist, die unübertroffene Sprache derPhilosophie und der Lyrik. Die Kaiserin Augusta sprach ein edles Deutsch,wie es, wie ich annehme, Frau Charlotte von Stein gesprochen haben wird.Was ihr gelegentlich als Affektation vorgeworfen wurde, war richtige Ein-schätzung der Form, die der Deutsche schon vor einem halben Jahrhundertin bedauerlicher Weise zu unterschätzen anfing. Sie war ungewöhnlichgebildet. Ihr Kabinettsrat, mein alter Kriegskamerad Bodo von demKnesebeck , hat unter ihrer Leitung aus großen Schriftstellern aller Zeitenund aller Völker eine kleine Sammlung schöner und tiefer Gedanken zu-sammengestellt, die in ihrer Prägnanz wohl die beste mir bekannte deutscheChrestomathie ist. Als Motto gab die Kaiserin Augusta diesem Büchlein dieWorte aus denWanderjahren:Große Gedanken und ein reines Herz,das ists, was wir uns von Gott erbitten sollten.

Die Kaiserin Augusta hatte zuviel Takt, um gegenüber einem jungenBeamten des Auswärtigen Amtes dessen großen Chef anders als in besterForm und mit vollkommener Courtoisie zu kritisieren. Sie hob aber hervor,was sie meinem Vater, den sie schätzte, öfters gesagt hätte, daß es sich nachihrer Überzeugung, auch wenn wir Frankreich für unversöhnlich hielten,doch empfehle, unserem Nachbar gegenüber dassuaviter in modo nicht zuvergessen.Verfallen wir nicht in den Fehler, der Napoleon I. , der auchNikolaus I. geschadet hat, das Selbstgefühl anderer Leute zu sehr zuverletzen. Dann kam sie auf die innere Politik des Fürsten Bismarck , dersie mit noch mehr Bedenken gegenüberstand als seiner auswärtigen.Siewissen durch Ihren Vater, meinte sie,wie sehr ich die kirchenpolitischenWirren beklagt habe. Ich habe deren schädliche Wirkung in der mirbesonders teuren Rheinprovinz nur zu sehr beobachten können. Es ist fürmich schwer begreiflich, daß ein so genialer Staatsmann, wie es FürstBismarck ja zweifellos ist, erst das allgemeine Stimmrecht einführen unddann den kirchenpolitischen Kampf beginnen konnte, der kaum mit einemErfolg für ihn endigen wird. Möge es ihm mit den Sozialisten nicht ebensogehen! Gegen das allgemeine Stimmrecht ohne jede Einschränkung, jedeKautel, haben, als Bismarck es einführte, viele Liberale, wie Twesten,Gneist, Schultze-Delitzsch und Sybel, ernste Bedenken gehabt. AuchSavigny und Windthorst hatten schwere Bedenken.

Von Ems kehrte ich im August nach Paris zurück, wo im März derRückkehr Unterrichtsminister Jules Ferry mit zwei einschneidenden Gesetzentwürfennach Paris den Krieg gegen die katholische Kirche eröffnet hatte, der ihr schon imHerbst von Gambetta angekündigt worden war. Der erste dieser Entwürfemodifizierte die Zusammensetzung und die Befugnisse des OberstenUnterrichtsrates in kirchenfeindlichem Sinne. Der zweite entzog denkatholischen Universitäten das Recht zur Verleihung der akademischen