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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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FERRY GEGEN DIE KIRCHE

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Grade, das ihnen das kirchenfreundliche Gesetz von 1875 eingeräumt hatte,und regelte das höhere Unterrichtswesen. Die freien Lehranstalten durftennicht mehr den TitelUniversität oderFakultät führen, kein Mitgliedeiner nicht anerkannten Religionsgesellschaft sollte in Frankreich Unterrichterteilen dürfen. Nach der Vorlage des Herrn Jules Ferry sollte der Unterrichts-rat fortan aus fünfzig Mitgliedern bestehen, die sämtlich dem staatlichenUnterrichtspersonal angehören mußten. Die kirchlichen Elemente, dieihm bisher angehört hatten, vier Erzbischöfe oder Bischöfe, wurden aus-geschlossen. Die Anwendung des Artikels 7 des Gesetzes über die Freiheitdes höheren Unterrichts hatte zur Folge, daß siebenundzwanzig Männer-Kongregationen, die achtundachtzig Häuser mit einem Personalbeständevon fast zweitausend Mitgliedern besaßen, in Frankreich keinen Unterrichtmehr erteilen durften. Unter ihnen die Jesuiten , die allein siebenundzwanzigUnterrichtsanstalten mit über achthundert Ordensmitgliedern besaßen.Die Zahl der Zöglinge, die in jenen achtundachtzig Häusern Unterrichterhielten, wurde auf über siebzigtausend berechnet. Die Frauen-Kon-gregationen, denen die Lehrbefugnis entzogen wurde, hatten bis dahinjährlich an zweihunderttausend Schülerinnen unterrichtet. Begreiflicher-weise wurde die klerikale Partei in Frankreich durch diese Unterrichtsgesetzein sehr große Aufregung versetzt. Der Kardinal von Bordeaux eröffnete denFeldzug durch einen langen Hirtenbrief, der Erzbischof von Paris folgtemit einem bewegten Schreiben an die beiden Kammern, ein Petitionssturmgegen die Ferryschen Gesetzentwürfe wurde ins Werk gesetzt. In Paris bildete sich einGeneralpetitionskomitee für Unterrichtsfreiheit.

Auf einem Diner bei dem Schweizer Gesandten Kern lernte ich denBerichterstatter für das Unterrichtsgesetz, den Abgeordneten Paul Bert,kennen. Ich hatte bei Tisch meinen Platz neben ihm erhalten. Er setzte mirmit großer Lebhaftigkeit und vollkommener Unbefangenheit seinen Stand-punkt auseinander. Fürst Bismarck , meinte er, dessen große Talente er imübrigen nicht bestreiten wolle, habe im sogenannten Kulturkampf ganzfalsch manövriert. Er habe gegen die römische Kurie, gegen die Bischöfeund sogar gegen den niederen Klerus Krieg geführt. Die Kurie sei,seitdem die Italiener sie von der Last der weltlichen Herrschaft befreithätten, gar nicht mehr zu fassen.Le Pape peut se cacher derriere le dosdes ministres italiens qui sont aussi fourbes que lui. Aussi Pape et Italiesentendent comme larrons en foire. Die Bischöfe aus ihrer Ruhe aufzu-scheuchen, habe keinen Zweck, und die überwiegend demokratischen Curesmüsse man möglichst wenig molestieren.Nous ferons la guerre au bonDieu et nous reussirons. Die Hauptsache sei, daß der Staat die Schule, mitihr die Jugend und die Zukunft, in seine Hand bringe. In den öffentlichenSchulen müsse der Religionsunterricht gänzlich abgeschafft werden.

Paul Bertüber dieLaizisierung