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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EINE ERNSTE NACHRICHT

Höchstens dürfe geduldet werden, daß der Religionsunterricht außerhalbder Unterrichtsstunden und des Schulgebäudes von den betreffendenKultusdienern erteilt würde, die sich aber hierbei den Anordnungen derzuständigen Schulbehörde zu fügen hätten. Nur die Kinder der Eltern, dieausdrücklich ein entsprechendes Gesuch gestellt hätten, dürften an diesemReligionsunterricht teilnehmen. Die Mitglieder religiöser Kongregationen,Orden und Vereine seien ebenso wie die Kultusdiener von den öffentlichenSchulen auszuschließen. Die Ordensleute dürften nur dann freie Schulenerrichten und leiten, wenn sie die Staatsprüfung abgelegt hätten und wennihr Orden vom Staat anerkannt sei. Paul Bert schloß mit der Bemerkung,sein Ziel sei die Beseitigung des Religionsunterrichts und die Vertreibungder Ordensleute. Die letzteren seien für die Souveränität des Staats ge-fährlicher als der reguläre Klerus.II faut lalciser la France. Davon hängeder Bestand der Republik und die Weltstellung Frankreichs ab. DiesesZiel würde sich nicht von heute auf morgen erreichen lassen, aber schließlichwerde es, wenn auch nach schweren Kämpfen, von der Republik erreichtwerden. Die Opposition gegen die Schulgesetze habe nicht viel zu bedeuten.Sie finde in den breiten Massen keinen Rückhalt.Chez nous le grand rire deVoltaire a balaye depuis longtemps la Superstition. Notre religion ä noussera le patriotisme. Un patriotisme ardent, intransigeant, capable de touslcs elans, pret ä tous les sacrifices. Cela vaut mieux que les momeries descapucins et les impostures des jesuites. La Science nous eclaire et nous guide,lamour de la patrie nous anime, nous vaincrons.

Ende August erhielt ich einen Brief meiner Mutter, der mich sehr ernstUrlaub nach stimmte. Sie schrieb mir, daß die Gesundheit meines Vaters ihr schwereBerlin Besorgnisse einflöße. Auf Rat des Hausarztes habe er eine mehrwöchigeKur in Gastein unternommen, die ihm gar nicht gut bekommen sei. Erleide an Schlaflosigkeit, starken Kopfschmerzen und, was sie am meistenbeunruhige, an Schwindelanfällen. Meine Mutter bat mich, so bald wiemöglich nach Berlin zu kommen. Nachdem ich Urlaub erbeten und erhaltenhatte, traf ich in Berlin ein, wo mich mein Bruder Adolf, damals Premier-leutnant bei den 1. Garde-Ulanen, am Bahnhof empfing. Was er mireröffnete, bestätigte nur zu sehr die Sorgen meiner guten Mutter. Der aufRat des Hausarztes zugezogene Professor Wilms, der leitende Arzt desgroßen Krankenhauses Bethanien, hatte meinem Bruder unter vier Augennicht verhehlt, daß mein Vater infolge sechsjähriger Überarbeitungunbedingt einer längeren Erholung bedürfe. Professor Wilms hatteschließlich meinem Bruder gesagt:Wenn Sie Ihren Herrn Vater, der kaumvierundsechzig Jahre alt ist, noch zehn oder zwölf Jahre behalten wollen,so bitten Sie ihn, seinen Abschied einzureichen und, fern den Geschäftenund aller Politik, auf dem Lande nur seiner Gesundheit zu leben. Wenn er