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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER WENDEPUNKT

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durchaus im Amte bleiben will, so muß er jetzt mindestens sechs bis achtMonate ausspannen. Mein Bruder fügte hinzu, daß mein Vater vorläufigweder von Urlaub noch gar von Rücktritt etwas hören wolle.

Als ich meinen Vater aufsuchte, fand ich ihn körperlich sehr angegriffen.Er sah auch recht blaß aus. Geistig war er vollkommen gefaßt und klar.Von Ausspannen, setzte er mir mit ruhiger Bestimmtheit auseinander,könne jetzt nicht die Rede sein, denn unsere auswärtige Politik sei an einemWendepunkte angelangt, der für die Geschicke des Vaterlandes wie der Weltfür lange Zeit entscheidend sein würde.Du weißt, führte er weiter aus,daß die persönlichen Beziehungen zwischen Bismarck und Gortschakow seit vier bis fünf Jahren leider keine guten sind. Die Hauptschuld trifftnatürlich den alten Gortschakow mit seiner senilen Eitelkeit, seinerhämischen Bosheit. Aber auch unser großer Steuermann ist nicht ganzohne Schuld. Er hat, wie du ja miterlebt hast, Gortschakow auf dem BerlinerKongreß zu schlecht behandelt. Seine demonstrative Bevorzugung vonPeter Schuwalow war ein taktischer Fehler. Heftig, wie er nun einmal ist,ärgert Bismarck seitdem in allen Balkanfragen die Russen, um so Gor-tschakow zu strafen, und das, nachdem er während fünfzehn, ja eigentlichseit fünfundzwanzig Jahren stets erklärt hat, Preußen dürfe im Orientkeine aktive und vor allem keine antirussische Politik treiben. Der gute alteKaiser bedauert und mißbilligt in seiner ruhigen, verständigen Art dieseTemperamentsausbrüche seines großen Kanzlers. Aber je älter er wird, umso schwerer wird es ihm, sich seinem genialen und stürmischen Berater zuwidersetzen. Der Kaiser steht nun im Begriff, sich zu den großen Manövernnach Königsberg zu begeben. Da sich Alexander II. gerade in Warschau befindet, so hat der Kaiser den Feldmarschall Manteuffel dorthin entsandt,um den Zaren zu begrüßen. Ich halte das für ganz vernünftig, zumalManteuffel das Vertrauen beider Kaiser besitzt.

Am nächsten Tage traf die Nachricht ein, daß die beiden Kaiser sich inAlexandrowo, einem der preußischen Stadt Thorn gegenüber gelegenenrussischen Grenzstädtchen, getroffen hatten. Die Begegnung war gut ver-laufen. In einem Brief an Bismarck, der zu dieser Zeit zur Badekur in BadGastein weilte, hatte Kaiser Wilhelm in seiner redlichen Art unter andermauch geschrieben: der Zar habe geäußert, die beiden Monarchen würdensich schon verständigen, wenn Bismarckavec son temperament fougeuxnicht immer wieder Streit mit dem alten Gortschakow suche. Er, derKaiser Wilhelm, sei dieser irrigen Auffassung entgegengetreten und hoffe,seinen Neffen überzeugt und beruhigt zu haben. Mit seiner genialenPhantasie, seinem niemals schlafenden Argwohn erblickte Bismarck indiesem kaiserlichen Brief den Beweis dafür, daß von russischer Seite aufseinen Sturz hingearbeitet würde, daß sein präsumtiver Nachfolger

BülouisVater leidendund besorgt

Die Begeg-nung vonAlexandrowo