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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EINS IST NOT

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küßte meiner Mutter die Hand und verließ die Villa. Nack Berlin zurück-gekekrt, ließ er mich zum Abendessen zu sich einladen. Mit der ihn nieverlassenden Natürlichkeit stellte er zunächst fest, daß er sich nichterinnere, seitdem er Minister geworden wäre, außerhalb seiner Familieeinen Krankenbesuch abgestattet zu haben.Jedenfalls keinem meinerKollegen! Er habe meinen Vater weniger schlimm gefunden, als er ge-fürchtet habe. Er sei guter Hoffnung für ihn. Er sei überzeugt, daß meinVater aus Cannes , das er ihm als sein Reiseziel bezeichnet habe, zu unseraller und insbesondere zu seiner Freude ganz wiederhergestellt nach Berlin zurückkehren werde. Am nächsten Tage empfing mein lieber Vater ausden Händen des seit unserer Übersiedlung nach Berlin mit uns befreundetenGeneralsuperintendenten Büchsei das heilige Abendmahl.

Am 17. Oktober fuhr mein Vater mit meiner Mutter, meinem jüngsten,damals vierzehnjährigen Bruder Fritz und mit mir nach Frankfurt a. M.,wo wir vor der Weiterreise nach Cannes übernachten wollten. Von so vielenBerliner Freunden und Bekannten war bei unserer Abfahrt nur einer an derBahn, der Abgeordnete Eduard Lasker . Mein Vater drückte ihm dieHand mit den Worten:Es rührt mich und es freut mich, daß gerade Siegekommen sind, denn wir sind im Leben ziemlich verschiedene Wegegegangen. Lasker erwiderte mit einfacher und aufrichtiger Herzlichkeit:Ich habe Eure Exzellenz stets verehrt und wollte Ihnen das durch meinKommen zeigen und eine gute Reise und frohe Rückkehr wünschen. Wasuns verbindet, ist stärker als das, was uns trennte.

Während der Fahrt nach Frankfurt schlummerte mein Vater viel, da-zwischen aber unterhielt er sich mit meiner Mutter und mit mir klar undgefaßt wie in seinen besten Tagen. Er sagte zu mir:Vieles, was mich imLeben beschäftigt oder gar erregt hat, erscheint mir heute ziemlichunerheblich, verglichen mit dem einen, was nottut und was unser Herr JesusChristus der guten Martha ans Herz legte. Meine Mutter lächelte weh-mütig, weil mein Vater sie oft mit Martha verglich, die viel Sorge und Mühehatte.Eins ist not, wiederholte mein Vater mehrfach,daß der Willewerde stille und die Liebe heiß und rein. Bevor wir in Frankfurt ankamen,beauftragte mich mein Vater, einen recht schönen Blumenstrauß bei einemihm aus seiner Frankfurter Zeit bekannten Blumenhändler für meineMutter zu bestellen, die am nächsten Tage, dem 18. Oktober, ihrenGeburtstag feierte.

In der Nacht zum 18. Oktober wurde er von einem Schlaganfall gerührt.Als wir an sein Bett traten, hatte er Bewußtsein und Sprache schonverloren. Der herbeigerufene Arzt erklärte seinen Zustand für hoffnungslos.Mein Vater schien nicht zu leiden. Erst am 20. Oktober, in der Frühe,verschied er. Der Ausdruck seiner Züge war friedlich, die große, schön

BiilowsVater stirbt