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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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BEILEID WILHELMS I. UND BISMARCKS

gewölbte Stirn trat mächtig hervor. Meine Mutter schloß ihm die Augen. Amnächsten Tage traf der nachstehende, eigenhändig geschriebene Brief desKaisers aus Baden-Baden ein:

Nächst Ihnen, gnädige Frau, und Ihrer Familie hat wohl niemand inPreußen ein näheres Anrecht auf Trauer als ich, auf eine gerechte Trauer,hei dem Hintritt Ihres Gemahls! Wenn ich es nicht aussprechen kann,was ich an ihm verloren habe! Was müssen Sie und die Ihrigen empfinden!!Nicht nur den Staatsmann habe ich in dem Entschlafenen verloren,sondern einen Freund, der mein ganzes Vertrauen besaß und mit einerseltenen Hingabe, mit einer Umsicht vermittelndem Sinn und Herzen,immer gleichem freiem Blick und Entschluß, nach reiflicher Überlegungimmer das Rechte treffend. So viele vereinte Eigenschaften ersetzensich nicht so leicht, und namentlich bei meinem hohen Alter sind solcheVerluste kaum zu ertragen!! Möge Gott Ihnen diesen herben Schlag durchErgebung in Seinen Willen tragen helfen, den Teilnahme wohl lindernkann, aber der Allmächtige allein vernarben läßt! Ihr tief erschütterter

König Wilhelm.

Bald nachher erhielt ich das nachstehende Telegramm des FürstenBismarck:

Legationssekretär von Bülow. Mit tiefem Schmerz habe ich IhrTelegramm gelesen. Ich bitte, Ihrer Frau Mutter meine herzliche Teil-nahme auszusprechen. Nächst Ihnen und den Ihrigen trifft mich derVerlust am härtesten, persönlich und amtlich.

von Bismarck .

Das Original dieses von Fürst Bismarck selbst niedergeschriebenenTelegramms hat mir Herbert Bismarck später zur Erinnerung an seinengroßen Vater geschenkt.

Im Laufe des Nachmittags erhielt ich ein Telegramm des Flügel-Jm Waggon adjutanten Grafen Lehndorff aus Baden-Baden, in dem es hieß, daß derauf Station Kaiser auf seiner Rückreise nach Berlin Frankfurt zwischen zwölf undFrankfurt e j n U} lr na chts passieren und während des zehn Minuten dauernden Auf-enthaltes mich in seinem Waggon empfangen würde. Der Kommandantvon Frankfurt, der General von Loucadou, holte mich um Mitternacht ab,um mich an die Verbindungsstation zu bringen. Als der kaiserliche Zug ein-gelaufen war, kam Graf Lehndorff auf mich zu und sagte mir:Der Kaisererwartet Sie in seinem Abteil. Er ist bis jetzt aufgeblieben, weil er Ihnenpersönlich für Sie, Ihre Frau Mutter und Ihre Brüder seine inni ge Teilnahmeaussprechen will. Treten Sie in den Wagen.