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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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VITELLIUS

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Tisch beiseite nahm, sagte er mir:Sie sehen, wie infam ich angegriffenwerde und von welchen Kanaillen! Mit melancholischem Lächeln fügte erhinzu:Ich habe Ihnen, mein junger Freund, gelegeutlich prophezeit, daßSie einmal an der Spitze der Regierung Ihres Landes stehen könnten. Wenndas eintreten sollte, so vergessen Sie nicht, daß die Politik ein schmutzigesGewerbe ist und daß man von den meisten Politikern gar nicht niedriggenug denken kann, namentlich wenn sie Parlamentarier sind. Als michFürst Hohenlohe am nächsten Tage frug, welchen Eindruck ich vonGambetta gehabt hätte, erwiderte ich ihm:II a du plomb dans laile.

Frankreich ist ein Land, wo seit Voltaire, Beaumarchais und Paul LouisCourier der Witz eine große, bisweilen eine vernichtende Rolle gespielt hat.

Seitdem er Minister geworden war, wurde Gambetta die Zielscheibe vielerschlechter, aber auch einiger guter und jedenfalls giftiger Witze. Einer stehtmir in lebhafter Erinnerung. In einer bewegten Sitzung der Kammer wollteder Kriegsminister Campenon das Wort in einem Moment ergreifen, derGambetta nicht opportun erschien. Um seinen Kollegen vom Reden ab-zuhalten, legte ihm Gambetta die Hand auf die Schulter. Ein Sozialistschrie dem Kriegsminister zu:Obeissez ä Cesar! Als er dafür zur Ordnunggerufen wurde, replizierte er:Je retire Cesar et je mets Vitellius. Seitdemwurde Gambetta von der oppositionellen Presse Vitellius genannt, in An-spielung auf den als Prasser berüchtigten, unwürdigsten aller römischenCäsaren.

Der deutsche Demokrat liebt es, durch spießbürgerliche Manieren, hierund da auch durch knotiges Auftreten denVolksmann zu markieren.

Dagegen haben die romanischen wie die englischen Demokraten seit jeherdie Tendenz gehabt, sich die Formen der guten Gesellschaft, ihre Gewohn-heiten, hier und da sogar ihre mehr oder weniger empfehlenswertenPassionen anzueignen. Gambetta , der das Wort von derRepubliqueAthenienne geprägt hatte, wollte auch in seiner Lebensführung lieber anPerikies als an Kleon erinnern. In einem Lande, das sich rühmt, die Heimatdes Brillat-Savarin und der raffiniertesten Gastronomie zu sein, hielt erdarauf, einen guten Koch zu haben. Dieser Koch hieß Trompette. Inzahlreichen Artikeln und Karikaturen wurde Trompette, der Leibkoch desehemaligen Volkstribunen, grausam verhöhnt.

Am 26. Januar 1882 lehnte die Kammer die von Gambetta vor-geschlagene Verfassungsrevision ab. Gambetta reichte sofort seine Ent- Gambettaslassung ein, und Grevy beauftragte Freycinet mit der Neubildung der SturzRegierung. Dieser konstruierte ein Kabinett, in dem Leon Say, Jules Ferry und Humbert Portefeuilles übernahmen, nachdem sie sich Gambetta nichthatten unterordnen wollen. Die Koalition, die Gambetta stürzte, wurdevon Clemenceau geführt, der zu diesem Zweck ein Bündnis zwischen der