518
LfiONIE LfiON
T
radikalen äußersten Linken und der Rechten zustande gebracht hatte.Freycinet, der nicht ohne Absicht einen gewissen Gegensatz zu Gambettasmehr selbstherrlichem Auftreten markierte, stellte sich der Kammer miteiner demütigen Rede vor, in der er erklärte, daß die neue Regierung voll„deference“ für die Volksvertretung sei, ohne die sie „nichts vermöchte“.
Einige Wochen nach seinem Sturz ließ mich Gambetta zu sich bitten.
Gambettas Tod Ich fand ihn in weit heitererer Stimmung, auch besser aussehend als beijenem Diner auf der Deutschen Botschaft während seiner Ministerzeit.Lächelnd sagte er zu mir: „Es ist nett von Ihnen, daß Sie einen Toten be-suchen. Ich bin allerdings nur scheintot. Ich gedenke es zu machen wieLazarus , der nach einiger Zeit aus seinem Grabe auferstand, zu nichtgeringem Erstaunen seiner Schwestern Maria und Martha. Ich bin erstvierundvierzig Jahre alt. Ich habe die Zukunft vor mir.“ So Gambetta im März 1882. Victor Hugo hat gesagt: „L’avenir est ä Dieu.“ Leon Gam-betta hatte das „Media in vita“ nicht in sein Kalkül eingestellt. Er starb,kaum ein Jahr nachdem er als Ministerpräsident gestürzt worden war. MitteDezember 1882 verwundete er sich in seinem kleinen, bescheidenen Land-haus in Ville d’Avray bei Paris . Uber diesen Unfall kursieren noch heuteallerhand Märchen. Der Sachverhalt, wie er mir unmittelbar nach dem TodeGambettas von mehreren seiner Freunde übereinstimmend erzählt wurde,war viel weniger romantisch. Gambetta liebte seit über zehn Jahren eineanmutige und kluge Frau, Madame Leonie Leon , die seit langem vonihrem Gatten geschieden war. Sie hatte sich in Gambetta verliebt, als sieAnfang 1870 seiner hinreißenden Rede gegen das Plebiszit von der Galeriedes Corps legislatif gelauscht hatte. Gambetta hätte sie gern geheiratet. Siewollte aber als Katholikin keine zweite Ehe schließen, bevor ihre erste Ehedurch den Päpstlichen Stuhl aufgelöst worden wäre, wozu keine Möglich-keit vorlag. Während Gambetta im Garten seines Landhauses mit MadameLeon spazierenging, entlud sich ohne jedes Zutun von seiner oder ihrerSeite ein kleiner Revolver, den er in der Hand hielt. Die Kugel drang ihm indie innere Handfläche und den Vorderarm. Während er wegen dieser Ver-letzung das Bett hütete, ging eine chronische Blinddarmentzündung, an derer seit Jahren laborierte, plötzlich in ein akutes Stadium über. Ein Eiter-durchbruch führte zu einer allgemeinen Bauchfellentzündung, diese zumTode. Durch einen rechtzeitigen chirurgischen Eingriff hätte er, wie mir vonÄrzten sofort gesagt wurde, gerettet werden können. Er starb in der Neu-jahrsnacht 1883.
Die Trauerfeier fand am 7. Januar statt. Ich habe selten eine imponie-Die Leichen- rendere Kundgebung mitangesehen. Wie bei der Leichenfeier für den armenfeier Werther in Goethes unsterblichem Roman, so folgte auch hier kein Geist-licher, wohl aber Hunderttausende von Leidtragenden aus allen Parteien