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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE EINGELADENEN VON CHANTILLY

machte er mich auf ein lebensgroßes Porträt seines Großvaters aufmerksam,des Herzogs Ludwig-Joseph-Philipp von Orleans, der sich bekanntlichwährend der großen Revolution den Jakobinern anschloß, für den Todseines Vetters und Königs, des armen Louis XVI. stimmte und bald nachherselbst guillotiniert wurde. Als er mir dieses Bild zeigte, meinte der Herzogvon Aumale lächelnd:Et voilä mon grand-pere, le citoyen Egalite. Sohatte sich der ehemalige Herzog von Orleans als Jakobiner genannt. Zuseinen Gästen gewandt, fuhr der Herzog von Aumale fort:Und wissen Sie,wie Philipp Egalite starb? Bevor er den'Todeskarren bestieg, bestellte ersein letztes Frühstück: Drei Dutzend Austern, beste Marennes, zwei Kote-lette, eine Flasche Chablis. Wissen Sie, wie der Herzog angezogen war?Er fuhr zur Guillotine im grünen Frack mit weißer Piqueweste, gelbenHosen und spiegelblanken Stiefeln. Der große englische Historiker Carlylehat es uns beschrieben. Mon grand-pere etait un bougre, mais il navaitpas froid aux yeux. Unter den Eingeladenen in Chantilly befanden sichzwei Dichter: Edouard Pailleron , der Verfasser des LustspielsLe Mondelon sennuie, in dem der Salonphilosoph Caro auf das witzigste verhöhntwurde, und Victorien Sardou . Der Spott Paillerons war berechtigt. Ichwar selbst einmal zugegen, als bei der Fürstin Monia Ouroussow der Pseudo-philosoph Caro den großen Philosophen Schopenhauer in Grund und Bodenverdammte und sich hinterher herausstellte, daß er dessen grundlegendeSchriften kaum kannte. Victorien Sardou , der ebenfalls zu den literarischenFreunden von Chantilly gehörte, hat dauerndere Spuren hinterlassen alsPailleron. Seine LustspieleLa famille Benoiton undNos bons villageoissind meisterhafte Komödien und heute noch nicht veraltet. SeinRabagasist vielleicht das Beste und Feinste, was seit Aristophanes gegen glatteDemokratie und unehrliche Demagogen gesagt wurde.

Soll ich erzählen, wie ich, wenn auch nicht in geschäftliche, so doch inMajor persönliche Beziehungen zu einem regelrechten Spion trat? Ich will es tun.von Villaume Homo sum; humani nihil a me alienum puto. Der Militärattache der Bot-schaft, Major von Villaume , frug mich eines Tages, ob ich ihm in einer fürihn wichtigen Angelegenheit einen Dienst erweisen wolle.Die Sache istetwas brenzlig, meinte er dabei. Villaume war der Enkel eines Franzosen,der in eigentümlicher Weise zum Preußen geworden war. Er war nämlichPrivatsekretär von Voltaire gewesen, als dieser sich mit seinem großenGönner, dem König Friedrich II. von Preußen, überwarf. In seinem Ärgerüber Voltaire ließ der König den Sekretär verhaften und vor sich führen.Der Sekretär erschien in einem sehr eleganten Anzug.Wie kommen Sic zueinem so glänzenden Anzug, so feinen Manschetten, einem so distinguiertenJabot? fuhr der König den Unglücklichen an. Dieser erwiderte mitAplomb:Voilä comment Mr. de Voltaire aime ä habiller ses gens. Der