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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BEUSTS HYPOTHESE

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Herausgeberin der chauvinistischen ZeitschriftNouvellc Revue, wurde.

Als Geschäftsträger mußte ich Beust von Zeit zu Zeit aufsuchen. Er sprachungern über aktuelle diplomatische Fragen, die ihn gar nicht interessierten,kam aber immer wieder auf die Zeit von 1848 bis 1866 zurück. Dabei erginger sich gelegentlich in geradezu skurrilen Betrachtungen. Unter Hinweisdarauf, daß die Familie Beust aus der Havelberger Gegend stammte, alsoaus der Mark Brandenburg, Bismarck aber in den fünfziger Jahren sichangeblich mit dem Gedanken getragen habe, Minister des blinden KönigsGeorg V. von Hannover zu werden, sagte er mir:Wenn ich, Beust ,leitender preußischer Staatsmann geworden wäre, Bismarck aber han-noverscher Minister, so würde ich mit ihm noch ganz anders umgesprungensein wie er mit dem armen Grafen Adolf Platen. Er schien gar nicht zufühlen, wie lächerlich diese Hypothese war. Beust wurde erst 1882 in denwohlverdienten Ruhestand versetzt. Den Anstoß zu seiner Entlassung gabein Inkognitobesuch der Kaiserin Elisabeth von Österreich in Paris . Beiihrer Rückkehr sagte sie ihrem hohen Gemahl, dem Kaiser Franz Josef , daßer sich nicht länger von einem ridikülen und dabei bösartigen Menschenwie dem Grafen Friedrich Ferdinand Beust in einer europäischen Groß-stadt vertreten lassen dürfe. Erster Sekretär der Österreichisch-UngarischenBotschaft war unter Beust Graf Agenor Goluchowski. Wir sollten spätergleichzeitig Gesandte in Bukarest und darauf, ebenfalls gleichzeitig, Ministerdes Äußern werden.

Der englische Botschafter, Lord Lyons, war neben Hohenlohe und demFürsten Orlow der distinguierteste Botschafter in Paris. Wie die meisten Lord LyonsEngländer, beurteilte er alles, die wichtigen und die kleinen Fragen, aus-schließlich vom englischen Standpunkt aus. Bei einem großen Diner inseinem Hause setzte er den Attache der Deutschen Botschaft, den Erb-prinzen Erui von Hohenlohe-Langenburg, über alle französischen Ministerund sogar über die andern Botschafter. Er motivierte das damit, daß derErbprinz von Hohenlohe-Langenburg ein Großneffe Ihrer Majestät derKönigin Victoria sei und deshalb allen vorzugehen habe. Italienische Bot-schafter waren während meiner Dienstzeit in Paris zwei Männer, die einegroße Rolle in der Geschichte ihres Landes gespielt hatten. Der GeneralEnrico Cialdini, Herzog von Gaeta, hatte 1848 und 1859 gegen Österreich gekämpft, 1860 die von dem französischen General Lamoriciere geführtenpäpstlichen Truppen bei Castelfidardo geschlagen und 1861 die FestungGaeta , den letzten Zufluchtsort der neapolitanischen Bourbonen, zurKapitulation gezwungen, Graf Menabrea war in den sechziger Jahren erstMarine- und dann Bauten-Minister gewesen, von 1867 bis 1869 mit Aus-zeichnung Ministerpräsident. Er stammte, wie Blanc, Pelloux , Barral undandere führende Männer des modernen Italien und wie die italienische

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