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DIE KREUZER-SONATE
Trotzdem glaubte niemand, daß der Besuch des Königs Alfons XII .
Alfons XII. von Spanien, der, nachdem er den deutschen Manövern in Hessen bei-insulticrt gewohnt hatte und bei diesem Anlaß zum Chef des in Straßburg garniso-nierenden preußischen Ulanenregiments Nr. 15 ernannt worden war, überParis in seine Heimat zurückkehren wollte, zu Zwischenfällen führen werde.Es kam aber anders. Als der König vom Bahnhof zur Spanischen Botschaftfuhr, wurde er in der „capitale de la civilisation“ mit Pfeifen, Schreien undhöhnischen Zurufen begrüßt, nicht nur von dem Pöbel auf der Straße,sondern auch und besonders von dem eleganten Pöbel an den Fenstern derKlubs, der großen Hotels und der eleganten Restaurants. Unmittelbar nachseinem Eintreffen empfing der König das Diplomatische Korps. SeineHaltung war königlich. Zu mir, dem deutschen Geschäftsträger, sagte er,indem er auf meine Königshusaren-Uniform deutete, mit lauter Stimme undin französischer Sprache: „Ich freue mich, eine preußische Uniform zusehen. Ich bin stolz darauf, daß auch mir Seine Majestät der Kaiser undKönig, Ihr allergnädigster Herr, eine preußische Uniform verliehen hat.Hier scheint man sich darüber zu ärgern. Das ist mir vollkommen gleich-gültig.“ Fürst Bismarck nahm diesen Zwischenfall mit großer Ruhe. Ertelegraphierte mir, daß es Sache der Spanier sei, Beschwerde zu führenund Genugtuung zu verlangen. Diese Beschwerde erfolgte in sehr schüch-terner Weise. Die Genugtuung bestand darin, daß Präsident Grevy erst demKönig Alfons, dann noch einmal dem spanischen Botschafter mündlichund kühl sein Bedauern aussprach. Karl V. und Philipp II. würden sichdamit wohl nicht zufriedengegeben haben. Die Franzosen aber hattenwieder einmal gezeigt, daß sie noch immer, um mit Tocqueville zu reden,„la plus brillante et la plus dangereuse des nations de l’Europe“ waren, dasverzogene Kind, das sich alles erlauben zu dürfen glaubt und dem allesdurchgelassen wird.
Wenn ich an meinen fast sechsjährigen Aufenthalt in Paris zurückdenke,so erinnere ich mich gern an meine freundschaftlichen Beziehungen zu einerrussischen Fürstin und zu einem deutschen Journalisten, die beide wederStellung noch Geld noch äußere Vorzüge besaßen, aber wertvolle Menschenwaren.
Die Fürstin Monia Ouroussow hatte sich für die Erziehung ihrerFürstin Kinder in Paris etabliert. Ihre Mutter, die Tochter eines steinreichenOuroussow russischen Großgrundbesitzers, des Kammerherrn Malzow, war währendvieler Jahre die intime Freundin der Kaiserin Maria Alexandrowna ge-wesen. Ihr Gatte, der Fürst Ouroussow, war Gouverneur eines der neunund-achtzig russischen Gouvernements. Mit ihren Eltern war sie brouilliert. IhrManu, ein enthusiastischer Anhänger des großen Leo NikolajewitschTolstoi,hielt es, nachdem er die Kreuzer-Sonate gelesen hatte, für seine Pflicht, den