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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN RÖMISCHES GELEHRTENHEIM

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jedoch, daß mein Besuch in Rom keinerlei Aufsehen errege. Gerade alsgeschiedene Frau müsse ihre Tochter doppelt vorsichtig sein und allemGerede sorgsam Vorbeugen. Donna Laura schlug mir vor, nicht in einem dergroßen römischen Hotels, sondern hei einem ihrer Freunde, dem Senatorund Professor der Physik Pietro Blaserna abzusteigen, im IstitutoFisico auf dem Viminal, Yia Panisperna. So lernte ich den ausgezeichnetenGelehrten kennen, der auch mir bis zu seinem während des Weltkriegeserfolgten Tod ein treuer und kluger Freund gewesen ist. Blaserna stammteaus Görz am Isonzo. Als Italiener, aber unter österreichischer Herrschaftgeboren, hatte er in Wien und Berlin studiert und sprach geläufig Deutsch.

Er war eng befreundet mit unserm großen Naturforscher HermannHelmholtz, dessen klassische Schriften er in das Italienische übersetzthatte, dessen begeisterter Apostel er war und mit dem er sich im Sommerim Engadin zu treffen pflegte. Man konnte nichts Gemütlicheres undStimmungsvolleres sehen als das Heim des guten Blaserna. An den vierWänden seines Arbeitszimmers erhoben sich gewaltige, bis an die Deckereichende Regale, die von oben bis unten mit Büchern angefüllt waren.Broschüren und Zeitschriften bedeckten den Boden. In der Mitte desZimmers aber stand ein großer Vogelkäfig, in dem Kanarienvögel fröhlichvon einer Stange auf die andere hüpften, aus den an den Ecken angebrachtenNäpfchen tranken und an den Blättern zupften, die ihnen durch das Gitterdes Riesenkäfigs ihr gütiger Herr reichte, der sie wie ein Vater betreute.

Ich bin unvermählt geblieben, meinte er lachend,diese hier sind meineKinder. In den drei Tagen, die ich in Rom blieb, hatte ich mit Blasernamanche interessante und für mich lehrreiche Unterredung. Er sprach,gegen die italienische Gewohnheit, langsam, fast zögernd, aber was ersagte, hatte Hand und Fuß. mochte er nun als Präsident der Academia deiLyncei, der vornehmsten italienischen Akademie, das Wort ergreifen oderals Vizepräsident des Senats seines Amtes walten oder vor einer zahlreichenZuhörerschaft wißbegieriger Studenten eine Vorlesung halten oder einefreundschaftliche Unterhaltung führen.

Am Tage nach meiner Ankunft in Rom wurde ich von Marco Min ghettiempfangen. Er stand im sechsundsechzigsten Lebensjahr. Er stammte aus MarcoBologna und hatte, wie manche Norditaliener, blondes Haar und rote MmghetuWangen. Er war groß und wohlgebaut, ein Staatsmann und ein Gelehrter,mit weltmännischen Formen. Er sah schon auf eine große politische Ver-gangenheit zurück. Er war 1848 Minister des Papstes Pio IX gewesen beidem ersten und letzten Versuch, den die Kurie machte, sich mit deritalienischen Einheitsbewegung auszusöhnen, indem sie sich an ihre Spitzestellte. Als dieser Versuch an der Ungeduld der radikalen Elemente deritalienischen Nationalpartei und an der Unentschlossenheit des Papstes