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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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PIO NONO UND DIE JESUITEN

scheiterte, hatte sich Minghetti in das Privatleben zurückgezogen undmehrere Jahre nur der Bewirtschaftung seiner Güter und seinen national-ökonomischen und literarischen Studien gelebt. Er erzählte gern, daß, alsPius IX. Mitte der fünfziger Jahre, zwischen der Revolution von 1848/49und dem Französisch-Piemontesisch-Österreichischen Krieg 1859 Bolognabesuchte, er Minghetti zu sich bitten ließ und ihn mit alter Güte und Herz-lichkeit empfing. Bevor er ihn ersuchte, Platz zu nehmen, guckte der Papsthinter alle Gardinen und meinte dabei lachend mit italienischer Natürlich-keit und Bonhommie:Ich sehe nach, ob sich hinter den Gardinen nichtetwa ein Jesuit versteckt hat, um unser Gespräch zu belauschen. DieJesuiten haben manche gute Eigenschaft, aber neugierig sind sie sehr. Ichwürde mich nicht wundern, wenn ich im Cesso einmal einen Jesuiten entdecken würde. Der Cesso ist jener verschwiegene Ort, wohin selbst derHochstehendste sich allein zu begeben pflegt. Minghetti hatte sich vergebensbemüht, Pius IX. zu einer Versöhnung mit der italienischen Nationalideezu bewegen. Eine solche gütliche Verständigung war wie das Ideal so dieSehnsucht vieler ausgezeichneter Italiener: Gioberti, Azeglio, Tosti,Manzoni, Cesare Cantu , Rosmini.

Marco Minghetti blieb bis zu seinem Lebensende glühender italienischerVon Cavour Patriot und gläubiger Katholik. Er war 1859 Generalsekretär Cavourslis Saracco geworden, 1860 mit ihm Minister des Innern. Er hatte am 6. Juni 1861 amSterbebette von Cavour gestanden und gehört, wie der größte italienischeStaatsmann, einer der größten Staatsmänner aller Zeiten, dem Mönch, derihm die Sterbesakramente reichte, die von mir früher schon erwähntenWorte zurief:Frate, frate, libera chiesa in libero stato! 1863 bis 1864und dann wieder von 1873 bis 1876 war Minghetti selbst Ministerpräsidentgewesen. Er war 1864 von den Piemontesen gestürzt worden, weil er durchdie Septemberkonvention mit Napoleon III. die italienische Hauptstadtvon Turin nach Florenz verlegt hatte. 1876 stürzten ihn die Florentiner. Siewaren erbost darüber, daß Florenz durch den Aufwand, den es als Haupt-stadt getrieben hatte, in Schulden geraten war. So schwer ist es, die V ölkerzufriedenzustellen. Mein genialer Kollege Johannes Miquel pflegte, wennim preußischen Staatsministerium über eine zu ergreifende Maßnahmeberaten wurde, mit sarkastischem Lächeln zu sagen:Wir mögen es an-fangen, wie wir wollen, gescholten werden wir doch. Minghetti hatte auchnach seinem Rücktritt als Ministerpräsident seine große politische Stellungbewahrt. Er wurde von allen Parteien geachtet, auch von den Ministern derLinken, von Crispi, Depretis, Nicotera , Saracco, die der König VictorEmanuel II. nach Mingliettis Sturz ans Ruder gerufen hatte. Minghetti galtfür den größten italienischen Redner seiner Zeit. Er sprach meist aus demStegreif, aber immer in vollendeter Form. So mag Cicero gesprochen haben,

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