LIEBESGELÖBNIS
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fromme Äneas seinen Stabstrompeter Misenus begraben. Virgil hatmit vier Versen diesem Grabmal den Stempel der Unvergänglichkeitaufgedrückt:
At pius Aeneas ingenti mole sepulcruminposuit, suaque arma viro remumque tubamquemonte sub aereo, qui nuno Misenus ab illodicitur aeternumque tenet per saecula nomen.
Hier bietet sich dem Auge die herrlichste Aussicht dieser paradiesischenGegend. Wir erblickten die Golfe von Neapel und von Gaeta und die Ketteder sie umschließenden Berge. Um uns Seen und Buchten, Landstreifenund Meerengen, Vorgebirge und das blau leuchtende Mittelmeer und überuns der blau strahlende Himmel. Dem Meere zu ein mittelalterlicherWachtturm. Überwältigt von dem Glück, nebeneinander zu stehen, ge-lobten wir uns, was auch kommen möge, trotz aller Schwierigkeiten undaller Hindernisse und gegen alle Widerstände jene Liebe ohne Ende, die dasHöchste auf dieser Erde ist. „Sich hinzugeben ganz und eine Wonne zufühlen, die ewig sein muß! Ewig! Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein,kein Ende! Kein Ende!“
Am nächsten Tage fuhr ich über Palermo nach Tunis . Der dortigeMinisterresident Paul Cambon , den ich schon kannte und für den ich über-dies ein Empfehlungsschreiben des französischen Ministers des Äußern beimir führte, war auf Urlaub. Statt seiner empfing mich in liebenswürdigerWeise der Erste Sekretär der Residentur, Monsieur d’Estournelles. Auchzu ihm habe ich bis zu dem so vieles zerstörenden Weltkrieg in freund-schaftlichen Beziehungen gestanden. Er hat mich noch kurz vor meinemRücktritt als Reichskanzler in Berlin besucht und dort einen taktvollenund klugen öffentlichen Vortrag über Motive und Ziele eines vernünftigenPazifismus gehalten. Hätten nur alle auf ihn gehört! Statt dessen ließ dieBosheit der einen, die Ungeschicklichkeit der andern die Welt in denKrieg stolpern.
In Tunis frug mich d’Estournelles, wo und wie ich mich auf Nordafrika vorbereitet hätte. Ich erwiderte ihm: „Nur mit Flaubert, mit Salambö.“Darauf er: „Bravo, vous ne pouviez trouver un meilleur guide pour ici.“Dank Flaubert und seiner prächtigen Schilderung stieg das alte Karthagovor uns auf. Wir verstanden das Genie de Carthage , dem zu Ehren amSchluß des Romans Narr’ Havas, während er den linken Arm stolz um dieTaille seiner Gattin Salambö legt, mit der Rechten die mit Wein gefüllteSchale erhebt. D’Estournelles führte mich nordöstlich von Goletta, demHafen von Tunis, dort, wo die Nehrung des Strandsees durchbrochen ist,zu der Stätte des alten Karthago. Es stand etwa eine Meile nordöstlich von