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EIN DEUTSCHER AFRIKAFORSCHER
Goletta auf der Landzunge zwischen dem Meer und dem See von Tunis .Hier sank die Vaterstadt des Hannibal, des Besiegers der Römer, nachwütender Gegenwehr in Flammen vor den Augen des jüngeren Scipio, dendas Bewußtsein von der Vergänglichkeit alles Irdischen bis zu Tränenerschütterte. Auf den Trümmern, die diese Stätte bedeckten, saß ein halbesJahrhundert später Marius, und der zitternde Sklave wagte nicht, Hand anden Besieger der Zimbern und Teutonen zu legen.
D’Estournelles verschwieg mir nicht die große, die zu große Zahl der inder Residentschaft Tunis ansässigen Italiener und Juden. „Sie überwiegenhier durchaus“, meinte er. „Franzosen gab es vor unserem Einmarsch nurwenige, und ihre Zahl hat sich seitdem nicht erheblich vermehrt.“ Das Uber -wiegen des italienischen Elementes schien d’Estournelles nicht zu be-unruhigen. „Wir Franzosen“, äußerte er, „sind keine Kolonisatoren. Dasschadet auch nichts, so lange wir militärisch dominieren und damit dieVerwaltung in der Hand behalten. Das ist jetzt der Fall und wird auchweiter der Fall sein, wenn wir unsere Stellung in Europa behaupten.“D’Estournelles stand in den besten Beziehungen zu dem deutschenGustav Konsul Dr. Gustav Nachtigal. Das wenige, das ich über das InnereNachtigal Afrikas weiß, verdanke ich diesem ausgezeichneten Mann. Er hatte Afrika nach allen Richtungen durchquert und erzählte in der fesselndsten Weisevon Tibcsti und Bornu, Kanem und Borku, von Bagirmi und Wadai, Darfur und Kordofan. Bald nach unserer Begegnung in Tunis wurde Nachtigal alsKaiserlicher Kommissar nach der Küste von Oberguinea geschickt. Erstellte Togo und Kamerun unter deutschen Schutz. Auf der Rückreise vondort starb er im Frühjahr 1885, zu früh für unsere Kolonialpolitik und fürdas Reich. Ich frühstückte im Hause Bismarck, als der Fürst die Nachrichtvon seinem Tode erhielt. Bismarck legte das Telegramm mit den nach-denklichen Worten beiseite: „Schade um den Mann! Er hatte Schneid undwar doch kein Durchgänger. Ein Verlust.“ Nachtigal stammte aus derStendaler Gegend, aus der Heimat des Bismarckschen Geschlechts.
D’Estournelles wollte, daß ich dem Bey von Tunis meine AufwartungDer Bey machte. Dr. Nachtigal unterstützte diesen Wunsch. Beide meinten, dervon Tunis J} e y nehme es übel, wenn distinguiertere Fremde Tunis, „die Stätte desFriedens und der Glückseligkeit“, wie die Hauptstadt offiziell hieß, be-suchten, ohne sich bei ihm vorzustellen. Das war, wie Dr. Nachtigal nichtunrichtig bemerkte, auch in Deutschland in früherer Zeit der Standpunktkleiner Souveräne. Von Nachtigal und D’Estournelles begleitet, fuhr ichnach dem Bardo, der Residenz des Mohammed Es Sadok. Schlanke Palm-bäume, deren Blätter in der Sonne glitzerten, erhoben sich rechts und linksvom Wege in der weiten Ebene. Wir begegneten Herden von Kamelen, dieich außerhalb zoologischer Gärten hier zum erstenmal erblickte. Die