DER BEDUINENFÜRST
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Beduinen, die sie führten, sahen in ihren langen Burnussen, mit ihrenKapuzen und ihren wallenden Bärten sehr respektabel aus. Sie erinnertenmich an die Erzväter des alten Testaments. So und nicht anders mögenAbraham und Isaak, Jakob und Laban, Moses und die Propheten ausgeschauthaben. Mohammed Es Sadok, klein, fett, kurzatmig, mit großer Glatze undmit blöden Augen, sah weniger ehrwürdig aus als seine Untertanen. Nach-dem meine beiden Begleiter eine Anrede an ihn gehalten hatten, in der siemeine trefflichen Eigenschaften rühmten, überreichte mir der Beherrscherdes Tunesischen Reichs das Großoffizierskreuz seines Hausordens vomIftikhar. Er murmelte dabei etwas von Brillanten, die seinen Ordenschmückten und die seine Gabe noch wertvoller machen sollten. Als ichspäter einmal diese Brillanten der von mir nie getragenen ridikülen De-koration meiner Frau schenken wollte, stellte sich heraus, daß sie falschwaren.
Auf Schritt und Tritt begegnete ich in Tunis Juden. Nachtigal be-rechnete die Zahl der in der sogenannten Berberei, im nordwestlichenAfrika, zwischen dem Mittelländischen Meer und der Sahara, in Algier ,Tunis, Marokko und Tripolitanien ansässigen Israeliten auf annäherndeine Million. Es hätten also damals dort weit mehr Juden gelebt als inDeutschland oder gar in England, Frankreich, Italien . Nachtigal, der sich,obwohl nicht Israelit, lebhaft für die Geschichte des auserwählten Volksinteressierte, behauptete, daß die Juden ein Prozent der Bevölkerung derErde ausmachten. Die Gesamtzahl aller Juden betrage vierzehn Millionen.Davon kämen fünf Millionen auf Rußland, drei Millionen auf die VereinigtenStaaten, drei Millionen auf Polen, zwei Millionen auf die Ukraine , eineMillion auf Rumänien, fünfhunderttausend auf Deutschland , fast ebensovielauf Ungarn, dreihunderttausend auf Böhmen , fast dreihunderttausend aufDeutsch-Österreich, zweihundertfünfzigtausend auf England , hundert-fünfzigtausend auf Frankreich, kaum vierzigtausend auf Italien . Ob dieseZahlen, die ich mir damals notierte, heute noch stimmen, weiß ich nicht.Richtig dürfte unter allen Umständen sein, daß die Masse der Ostjuden dieZahl der im westlichen Europa lebenden Juden gewaltig überwiegt. Dieamerikanischen Juden dürften auch meist aus Osteuropa stammen. DieJuden der Berberei waren aus Spanien und Portugal nach Afrika ge-kommen, als die Inquisition sie, damals etwa zweihunderttausend, von derIberischen Halbinsel vertrieb. Sie wurden von den Muselmännern nicht vielbesser behandelt als vorher vom Heiligen Offizium. Sie durften zumBeispiel vor der französischen Okkupation in Tunis, wie vorher in Algier ,an keiner Moschee Vorbeigehen, ohne die Schuhe auszuziehen. Sic konntensich kaum auf der Straße sehen lassen, ohne beschimpft und angespucktzu werden. Ein gewisser Trost für sie lag darin, daß die Mohammedaner,
Tunesische
Juden