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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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99 9 SCHLÄGE

ähnlich wie einst die alten Römer, die Christen noch mehr verachtetenals die Juden, weil die ersteren eigentlich nur eine Sekte der letzterenwären. Übrigens hatte sich, wie mir Nachtigal versicherte, das kluge VolkIsrael, wie einst in Ägypten und später in vielen anderen Ländern, trotzUnterdrückung und Mißhandlung auch in Nordafrika schon unter den Beyseine dominierende Stellung zu verschaffen gewußt. Alle Geldgeschäftewaren in den Händen der Juden. Sie waren die Schatzmeister, Geheim-schreiber und Dolmetscher des Bey, hielten dessen Juwelen und Brillantenunter ihrem Verschluß und kontrollierten die Münze. Sie stellten demunwissenden Volk, das für exakte Studien wenig begabt war, Ärzte undApotheker.

Schauerlich war, was über die Grausamkeit erzählt wurde, die vor derStrafjustiz französischen Besitzergreifung an der nordafrikanischen Küste geherrschtin Nordafrika hatte. DEstournelles mag aus naheliegenden Gründen in dieser Richtungübertrieben haben, aber auch Nachtigal wußte Übles zu berichten. Diekleinsten Vergehen wurden mit Prügel bestraft, die mit einem Ochsen-ziemer verabreicht wurden. Die Streiche wurden an einem Rosenkranz ab-gezählt. Mehr als 999 Schläge durften nach dem Koran nicht erteilt werden.So weit soll es aber kein Delinquent gebracht haben, namentlich, wennihm, wie dies erlaubt war, die Hiebe von vorn verabreicht wurden. Einbeliebter Brauch war es, einen für ernstlichere Vergehen Verurteilten bisan den Hals in den Sand zu graben und dann seinen Kopf den Mißhand-lungen der Vorübergehenden preiszugeben. Oder auch, ihm Nasenlöcher,Mund und Ohren mit Schießpulver anzufüllen und dieses anzuzünden.Gelegentlich wurde auch ein Missetäter lebendig in die Haut eines totenOchsen eingenäht. Oder man band ihn an den Schwanz eines Maultieres,das zum Galopp angetrieben wurde. Hoch in Ehren stand die Lex talionis.Ein jüdischer Garkoch, der überführt worden war, in öl gebackenesMenschenfleisch verkauft zu haben, wurde nach und nach in kleine Stückezerschnitten, die man eins nach dem andern in einen Kessel voll siedendemWasser warf und dann vor den Augen des Sterbenden den Hunden zufressen gab. Genug der Greuel.

Von Tunis fuhr ich nach Bone, das noch heute ein beliebter Seeplatz istConstantine und einst als Hippo Regius der Bischofssitz des heiligen Augustinus war,den ich sehr verehre und zu dessenConfessiones ich immer wieder greife.In Constantine , der auf einem Felsenplateau gelegenen, von einer tiefenSchlucht umgebenen Haupstadt des östlichen Algeriens, machte ich dieBekanntschaft eines höheren katholischen Geistlichen, eines würdigen undklugen Mannes, der mir bereitwillig über seine Eindrücke und ErfahrungenAuskunft gab. Er glaubte nicht an die Gefahr und nicht einmal an dieMöglichkeit eines Aufstandes der Eingeborenen in Algier und Tunis. Sie