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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE WÜSTE

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kennten zu gut die numerische wie die technische Überlegenheit ihrerfranzösischen Gebieter. Daraus folge freilich noch nicht, daß die Arabermit der französischen Herrschaft zufrieden seien oder sie gar liebten. ImGrunde sehnten sie sich nach der Zeit der Beys zurück, obwohl derenHerrschaft barbarisch gewesen sei. Übertritte der Eingeborenen zumChristentum kämen trotz der damit für sie verbundenen Vorteile sehrselten vor. Seltsamer- und traurigerweise fehle es dagegen nicht an derumgekehrten Erscheinung. Als die französischen Truppen bei der Okku-pation von Tunis in Kairuan eingerückt seien, der alten Hauptstadt desarabischen Afrika und einer der heiligen Stätten des Islams, mit prächtigenMoscheen und Gesetzesschulen, hätten sie in der Umgebung islamitischeAnachoreten gefunden und unter ihnen frühere französische Offiziere undBeamte. Wie ein Christ, ein Europäer dazu kommen könnte, noch dazu alsEinsiedler in der Wüste, sich in die Gedankengänge einer tief unter demChristentum stehenden Religion zu verirren, wußte mein geistlicher Freundweder sich noch mir zu erklären.

Von Constantine fuhr ich mit der Diligence über Batna und El Kantaranach Biskra. Hier lernte ich auf mehreren Ritten, die ich in Gesellschaft Biskra zweier junger französischer Offiziere unternahm, die Wüste kennen. DieUnermeßlichkeit des Horizonts, die Einförmigkeit, das tiefe Schweigen,der Ernst dieser Natur machten mir einen überwältigenden Eindruck. Ichbegriff, daß das Judentum und mit ihm das Christentum, daß der Islam,daß drei große Religionen aus der Wüste hervorgingen. Sie führt zurKonzentration und zum Meditieren. Sie verfeinert die Empfindung, siegibt der Einbildungskraft Flügel. Nur das Meer und die Hochalpen sindihr vergleichbar. Als ich meiner Ergriffenheit, ja meinem EntzückenAusdruck gab, unterbrachen mich meine Begleiter.Wenn Sie, meintensie,als Offizier einige Sommermonate hier verweilen müßten, würden Sieanders sprechen. Für einen Offizier, einen zivilisierten Menschen, ist dieWüste die Hölle. Ni plus, ni moins! In jedem Sommer kommt es vor, daß.Offiziere unter dem Druck der Melancholie, die durch die entsetzlicheHitze und die Monotonie der Wüste erzeugt wird, zum Revolver greifenund ihrem Leben freiwillig ein Ende setzen. Was die Mehrzahl von unsaufrechterhält, ist das Pflichtgefühl und die Überzeugung, daß, wer hierGeist und Körper gestählt hat, wozu allerdings gehört, daß er sich desAlkohols enthält, jeder künftigen Anstrengung und allen denkbaren Ge-fahren gewachsen ist.

Von meinen Begleitern hörte ich zum erstenmal die Ansicht aussprechen,daß für Frankreich sein nordafrikanischer Besitz nicht, wie dies in Deutsch-land angenommen zu werden scheine, eine militärische Schwächung,sondern vielmehr eine erhebliche Stärkung bedeute. Nordafrika sei ein