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durch die Unverwüstlichkeit, mit der er bis spät in die Nacht im CafeAnglais oder bei Voisin schwerem Romanee-Conti und Champagner (Extra-Dry) zusprach, um am nächsten Morgen bei bester Verfassung zum Früh-stück eine Flasche Portwein zu leeren. Ich lud ihm wiederholt zu kleinenSoupers diese oder jene meiner französischen Freunde ein, denen er gefiel.Er sprach Französisch nicht besonders geläufig, aber originell, und fandfür jeden seiner Gedanken auch in der fremden Sprache einen treffenden,prägnanten Ausdruck. Ich entsinne mich eines ausgezeichneten Frühstücksim Cafe Voisin, an dem außer dem klugen und liebenswürdigen GrafenAdrien Montebello auch Camille Barrere, der künftige Botschafter in Rom ,und die Brüder Cambon teilnahmen, die gleichfalls beide Botschafterwerden sollten. Die Franzosen bewunderten die Trinkfreudigkeit undTrinkfestigkeit des jungen deutschen Recken, aber auch seinen Humor undseine Schlagfertigkeit. Ich machte Herbert mit Francis Charmes bekannt,dem späteren Chroniqueur der „Revue des Deux Mondes “, der ihm durchseinen scharfen und klugen Verstand besonders gefiel. Ich führte Herbertnach Versailles . Als ich ihm den majestätischen Vorhof zeigte, auf dem sichdie Statue des Roi-Soleil erhebt, umgeben von den Standbildern vonsechzehn französischen Feldherren, von Bayard bis Massena , als wir durchdie Gemäldegalerie gingen, die dem Ruhm Frankreichs geweiht ist („ätoutes les gloires de la France“), die alle Siege der französischen Heerewährend Jahrhunderten verherrlicht, alle lichten Seiten der „gloire“, ohneirgendwelchen Schatten, wies ich auf die unbegrenzte Eitelkeit der Fran-zosen hin, über die der zu einer moralischen Betrachtung der Dingegeneigte Deutsche den Kopf schüttele, die aber doch die Quelle desunausrottbaren französischen Ehrgeizes, der unverwüstlichen französischenVitalität, vor allem der leidenschaftlichen französischen Vaterlandsliebesei. Herbert meinte: „Das hier ist alles Quatsch, das sind Tempi passati.Wir dürfen uns von den Franzosen nicht verblüffen, uns nicht von ihnenimponieren lassen. Die Leute sind ein für allemal erledigt.“ Im Gegensatzzu seinem großen Vater neigte Herbert seit seiner Jugend, der Staats-sekretär später noch mehr als vorher der Botschaftssekretär, politischzur Hybris.
Nicht lange nachdem Herbert Bismarck aus Paris nach London zurück-Reise gekehrt war, erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich dringend undBülouis herzlich einlud, für einige Tage herüberzukommen. Nicht nur würde meinnach London ßgguch ihm persönlich eine Freude sein, sondern auch im dienstlichenInteresse fände er es nützlich, daß ich mir London einmal ansähe und dortBeziehungen anknüpfe. Er proponierte mir, bei seinem und meinemFreunde, dem Zweiten Sekretär der Kaiserlichen Botschaft, dem GrafenFriedrich Vitzthum, abzusteigen, der mich gern in seiner hübschen und