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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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GLADSTONES WAHLREFORMBILL

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bequem gelegenen Wohnung beherbergen würde. Rasch entschlossen fuhrich zwei Tage später über Boulogne nach London . Mein Zug passierteAmiens , und ich gedachte der Zeiten, wo ich im Dezember 1870 in Camonim Quartier lag, bei Querrieux, Pont Noyelles und Daours focht und späterim schönen Mai 1871 im Gehölz von Longeau spazierenritt. In der englischenHauptstadt traf ich in einem politisch interessanten Augenblick ein. In derenglischen innern Politik drehte sich im Frühjahr 1884 alles um die Wahl-reformbill, die Gladstone Ende Februar im Unterhause eingebracht hatteund durch die mit einem Schlage die Gesamtzahl der Wähler nahezu ver-doppelt werden sollte. Das dieser Reform abgeneigte Englische Oberhausoperierte taktisch sehr geschickt. Es verfiel nicht in den Fehler, den imletzten Jahre meiner Reichskanzlerzeit die preußischen Konservativenbegingen, als sie sich a limine jeder Reform des preußischen Wahlrechtswidersetzten. Klüger, staatsmännischer und patriotischer, erklärten dieenglischen Konservativen und mit ihnen das House of Lords , in dem sie dieMehrheit besaßen, daß die Ausdehnung des Wahlrechts an sich auch ihrenWünschen entspräche. Dagegen stellten sie das nicht unbillige Verlangen,daß die neue Verteilung der Parlamentssitze, die Gladstone erst spätervornehmen wollte, schon in die erste Bill einbezogen werden sollte, so daßbeide Parteien klar erkennen könnten, was sie durch die ganze Maßregel zugewinnen oder zu verlieren hätten. Das Oberhaus konnte die von ihmgewünschte Verschmelzung der beiden Maßregeln in einen Gesetzentwurfnicht durchsetzen. Aber da es sich entschieden weigerte, die erste Bill an-zunehmen, bevor die zweite nicht wenigstens dem Parlament vorgelegtworden wäre, bot Gladstone die Hand zu einem Kompromiß. Er ver-ständigte sich persönlich mit Lord Salisbury , dem Führer der Tories undder Oberhausmehrheit, und machte diejenigen Konzessionen, die unerläßlichwaren, um dem Oberhaus zu genügen, und die noch nicht zu weit gingen,um die liberale Majorität im Unterhaus zu gefährden. Lord Salisbury gingdarauf ein, und die große Reform war gesichert. Wiederum hatte sich diepolitische Erbweisheit der Engländer, wie König Friedrich Wilhelm IV. den traditionellen politischen Common sense der Briten genannt hat,glänzend bewährt. In der auswärtigen Politik stand bei meinem Eintreffenin London die Mission im Vordergründe, mit der General Gor don im Sudan betraut worden war. Ganz England bangte für das Schicksal seines popu-lären, geliebten und verehrten Generals.

Meinen ersten Besuch in London stattete ich selbstverständlich demBotschafter ab, dem damaligen Grafen, späteren Fürsten Münster . Er warein Original, auch äußerlich. Sehr lang, sehr mager, hatte er einen unverhält-nismäßig großen Kopf, der an einen großen Kürbis auf einer langen Stangeerinnerte. Mit diesem Kopf pflegte Münster zu wackeln. Das gab ihm,

Graf

Münster