HERBERT BISMARCKS REVOLVER
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Sekretäre des Innern und des Krieges, Sir W. Vemon-Harcourt und denMarquis of Hartington, den späteren Herzog von Devonshire, einlud. AuchSir Charles Dilke , der Präsident des Local Government Board, nahm Sir Charlesan diesem kleinen Feste teil. Er hatte sich damals noch nicht lange von Dilkeeinem allerdings mehr akademischen Republikanismus zur Monarchiezurückgefunden. Der ungewöhnlich begabte Mann, der mit seinem Buch„Problems of Greater Britain“ einer der Vorkämpfer und Bahnbrecherdes gegenwärtigen, auf föderativer Basis ruhenden englischen Weltreichswurde, ist später an einer wüsten Weibergeschichte gesellschaftlich undpolitisch zugrunde gegangen. Ein andermal lud mir Herbert alte diploma-tische Kollegen und Freunde ein, von denen ich mich an die Franzosend’Aunay, den späteren Freund und Vertrauten von Clemenceau , mit seinerehrgeizigen und koketten amerikanischen Frau und den klugen, historischsehr gebildeten Mr. Bapst, an den Dänen Falbe, den Ungarn Hengelmüllervon Hengervor, den Russen Niki Adlerberg erinnere.
Als ich mich von Herbert verabschiedete, schenkte er mir einen hüb-schen und handlichen Revolver mit der humoristischen Aufforderung,damit jeden „vor den Bauch zu schießen“, der mir im Leben feindlich inden Weg treten würde. Der Revolver liegt noch neben meinem Schreibtischin der Villa Malta. Ich verließ London mit der Hoffnung, daß ich dort imLaufe des Sommers als Erster Sekretär an die Stelle von Herbert Bismarck treten und Gelegenheit finden würde, England , wo es mir ausgezeichnetgefallen hatte, näher kennenzulemen.
Am 1. Juli 1884 wohnte ich mit viertägigem Urlaub der Hochzeit meinesBruders Adolf mit unserer Kusine, der Komteß Carola Vitzthum, bei. Heirat AdolfsDie Feier steht heute noch lebhaft vor meinem Gedächtnis. Die Trauung v. Bulowfand an der Niederelhe statt, wo ich geboren hin, in der alten Kirchevon Nienstedten , deren Geistlicher mich getauft hat und auf derenstillem Friedhof ich einst begraben werden möchte. Man konnte sich kaumein schöneres Brautpaar denken. Er vierunddreißig, sie kaum zwanzig. Ergroß, schlank, sehnig, mit ernsten, fast strengen Gesichtszügen und großen,nachdenklichen Augen, sie mit wunderschönen, aber etwas melancholischenAugen, hübsch gewachsen, aber dabei noch ganz mädchenhaft, zart, vollAnmut. Sie war Ehrendame der Kaiserin Augusta gewesen, die auf alleDamen ihres Hofes einen günstigen Einfluß ausübte, im GoethischenSinn der Ausbildung und Förderung des mensclilich Guten und Schönen.
Es war eine Liebesheirat im vollen Sinne des Wortes. Sie blickte mitzärtlicher Bewunderung und Neigung zu ihm auf, der sich leidenschaft-lich in sie verliebt hatte. Kaum zwei Jahre später starb Carola in ihremzweiten Wochenbett. Dreizehn Jahre später fand Adolf einen jähenReitertod.