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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER LÖWENKÄFIG

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tische Kriege

gesellschaftliche Verhältnisse. Die Fürstin schwärmte vonFrauvonSpitzem-berg, der Frau des württembergischen Gesandten in Berlin , mit der sie seitüber zwanzig Jahren, seit der gemeinsamen Gesandtenzeit in St. Peters-burg , befreundet sei und die sie immer als treu befunden habe. Auch diemit Spitzemberg verwand ten Familien Varnbüler, Hofacker, Erffa und Belowwurden gepriesen, dagegen diegreuliche, unausstehliche, affektierte Mimi,die Gattin des Hausministers Schleinitz, heftig geschmäht. Der große Fürstlächelte beifällig und konstatierte, daß ihm der Gatte, der HausministerGraf Alexander Schleinitz ,fast ebenso widerwärtig sei wie Mimi. AlsBill mich gegen Mitternacht in mein Zimmer brachte, meinte er mit Humorund behaglich lächelnd:So viel wie bei uns wird doch in keinem andernHause geschimpft. Ich erwiderte ihm, daß es im Löwenkäfig anders aus-sehe als im Schafstall oder im Hühnerhof.

Als ich am nächsten Morgen in meinem Zimmer bei meinem sehr reich-lichen ersten Frühstück saß, trat der Fürst ein. Ei setzte sich mir gegenüber Bismarckmit den Worten:Lassen Sie sich in Ihrem Vergnügen nicht stören, sondern überessen Sie ruhig Ihre Eier. Hoffentlich sind sie richtig gekocht. Dann fuhr Ppbylak-er fort:Sind Sie sehr außer sich, daß Sie statt nach London nach Peters-burg kommen? London ist als Wohnort freilich angenehmer. Und Paris zuverlassen, wird Ihnen wohl auch nicht leicht? Wie dem auch sein möge,

Sie machen gute Miene zum bösen Spiel und spielen sich nicht auf denPikierten, was immer das klügste ist. Ich erwiderte, ich fände es ganzinteressant, daß ich, nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit in der Wüstebei Biskra spazierengeritten sei, mich jetzt am Anblick des FinnischenMeerbusens und binnen kurzem an der zugefrorenen Newa ergötzen würde.

Der Fürst nickte und kam sogleich auf unsere auswärtige Lage.UnserePolitik ist und bleibt eine Friedenspolitik. Wir haben gar keinen Grund,einen Krieg zu wünschen, denn ich sehe nicht ein, was wir bei einem Kriegezu gewinnen hätten. Die Annexion von Deutschösterreich oder gar der bal-tischen Provinzen oder vollends der Holländer oder Schweizer würde füruns nur eine Schwächung bedeuten. Und sogenannte prophylaktischeKriege zu führen, das heißt über einen andern herzufallen, damit er, nochstärker geworden, nicht über mich herfalle, halte ich, wie Ihnen Ihr HerrVater gesagt haben wird, der darin mit mir übereinstimmte, nicht allein fürunchristlich, sondern auch für politisch unvernünftig. Wohin ist Napoleon I. mit seinen prophylaktischen Kriegen gekommen ? Man weiß, wie man in einenKrieg hineinkommt! Aber man weiß nie, wie man aus ihm herauskommenwird. Dreimal hat Gott uns den Sieg verheben. Das war viel Gnade. Es ohnezwingenden Grund zu einem vierten Kriege kommen zu lassen, hieße Gott versuchen. Die Aufrechterhaltung des Friedens deckt sich mit unseremInteresse. Natürlich müssen wir unser Schwert scharf erhalten. Unsere