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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER PIVOT

politische Stellung, Macht, Ehre und Reichtum verdanken wir in erster Linieder Armee. Die Armee sichert auch die monarchische Ordnung der Dinge,die einzige solide Basis des Reichs, der Ordnung und unseres zunehmendenWohlstandes. Der Pivot unserer Stellung und damit unserer Politik, derPunkt, auf den es am meisten ankommt, ist unser Verhältnis zu Rußland .Die Franzosen werden uns nur angreifen, wenn wir mit Rußland in Krieggeraten sind, dann aber ganz sicher. Was die Engländer angeht, so haben sieüberhaupt keinen Grund, uns anzugreifen, wenn sie auch anfangen, neidischauf unser industrielles Wachstum und unsere kommerziellen Fortschrittezu werden. Der Engländer ist wie der Hund in der bekannten Fabel, der esnicht vertragen konnte, daß ein anderer Hund auch ein paar Knochen vorsich hat, obwohl er selbst, der fette Köter, vor einer ganz vollen Schüsselsitzt. An einen englischen Angriff ist nur zu denken, wenn wir uns sowohlmit Rußland wie mit Frankreich im Kriege befänden oder irgendeinen kom-pletten Unsinn machen würden, wie Holland oder Belgien zu überfallen, oderdie Ostsee zu schließen durch Okkupation des Sundes, oder einen sonstigenBlödsinn, mit dem nicht zu rechnen ist. Also Petersburg ist jetzt für uns derwichtigste diplomatische Posten. Darum habe ich Sie dorthin gesetzt.London und Paris sind doch mehr Beobachtungsposten. In Ländern, wo imletzten Ende das Parlament entscheidet, kann der Diplomat nicht allzuvielmachen. In einem Lande, wo es in erster Linie auf den Souverän ankommt,steht die Sache anders. Auch der größte Autokrat handelt nie nur nacheigener Eingebung, wenn er sich dies auch bisweilen einbildet. Er wirdimmer eine Frau haben, eine Mätresse, Brüder, Vettern, Tanten, Günst-linge, Flügeladjutanten und Kammerherren, die ihn mehr oder wenigerbeeinflussen. Da kann der Diplomat Positives leisten und erreichen.Gortschakow sind wir ja Gott sei Dank losgeworden. Sein Nachfolger, Herrvon Giers, ist kein Held, aber jedenfalls wohlgesinnt. Ich halte ihn für ehr-lich, dem Gortschakow bei weitem vorzuziehen. Ich halte auch AlexanderlH.für loyal. Daß er uns nicht so wohlgesinnt ist wie sein Herr Vater, ist keinUnglück. Denn gerade weil Alexander II. bis über die Ohren in der Tra-dition der Freiheitskriege stak, war er so empfindlich für alles, was er mitUnrecht als eine Abweichung von den Prinzipien der Heiligen Allianz be-trachtete. Er war wie eine Frau, die, weil sie in ihren Mann früher sehr ver-liebt war, ihn noch bis in sein hohes Alter mit Empfindlichkeit und Eifer-sucht verfolgt und immer fragt: ,Hast du mich noch lieb ? Mit AlexanderlH.ist, wie ich glaube, ein ruhiges, klares Nachbarverhältnis ganz gut möglich.Weisen Sie in Petersburg nur immer darauf hin, daß kein Mensch wissenkann, wie ein kriegerischer Zusammenstoß zwischen den drei Kaiser-mächten militärisch verlaufen würde. Aber eins ist sicher: Die dreiDynastien, die drei Monarchen würden voraussichtlich die Zeche