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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ZWISCHEN ZWEI KLIPPEN

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bezahlen, und die einzige, wirkliche Gewinnerin würde die Revolutionsein. Napoleon hat auf St. Helena gesagt, Europa würde nach seinem Sturzentweder kosakisch oder republikanisch werden. Ich glaube, daß, wenn derKurmärker und der Kosak aneinanderkommen, Europa republikanischwerden könnte. Der delikate Punkt in unserem Verhältnis zu Rußland istnatürlich Österreich. Wir können Österreich nicht überrennen und zer-schlagen lassen. Wir dürfen uns aber ebensowenig durch Österreich in einen Krieg mit Rußland treiben lassen. Zwischen diesen bei-den Klippen durchzukommen, ist eine Sache der Geschicklichkeit und Kalt-blütigkeit, ungefähr so, wie zu verhindern, daß zwei Züge aufeinander-fahren. Der Weichensteiler muß die Augen offen und eine ruhige Hand haben.Am schwierigsten zu behandeln sind die Magyaren, weil sie so hitzig sind.Sie sind für uns die beste Stütze in unserem Verhältnis zur habsburgischenMonarchie, aber sie sind auch diejenigen, die gegenüber Rußland ammeisten zu übertriebenem Mißtrauen und zu Unvorsichtigkeit neigen.Übrigens hat es Gott in seiner Weisheit so eingerichtet, daß die Völker desOrients, der bekanntlich auf der Wiener Landstraße anfängt, sich unterein-ander nicht ausstehen können. Die Magyaren und die Rumänen, die Kro-aten und die Serben, die Türken und die Bulgaren , die Tschechen und dieSlowaken, die Hellenen und die Albanesen hassen sich untereinander nochmehr, als sie den Deutschen hassen.

Ich hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, mit unbegrenzterBewunderung. Ich ließ mich aber dabei nicht in meinem Frühstück stören,sondern verzehrte ruhig und mit Behagen meine Eier, das geröstete Brotund einen geräucherten Hering, den mir die gute Fürs tin auf mein Zimmerhatte bringen lassen. Als ich im Laufe des Nachmittags mit Bill einen Spa-ziergang unternahm, sagte er mir:Es wird Sie freuen, daß mein Vater sichfreundlich über Sie ausgesprochen hat. Namentlich hat ihm gefallen, daßSie ruhig Ihre Eier weiteraßen. ,Er hat gute Nerven 4 , meinte er, ,er gefälltmir überhaupt . 4 44

Am nächsten Tage kam Fürst Bismarck nicht mehr auf Fragen der aus-wärtigen Politik zurück. Dagegen erging er sich im Familienkreise vor mirin heftigen Äußerungen über seine innern Gegner. Er denke nicht daran,ein automatisches Regiment zu führen, wie ihm das täglich vorgeworfenwürde. Ein solches würde ganz anders aussehen als der jetzt in Deutschland bestehende Zustand. Er wisse sehr gut, daß in Deutschland in der zweitenHälfte des neunzehnten Jahrhunderts ein absolutistisches und automa-tisches Regime einfach unmöglich wäre, auch abgesehen davon, daß ihmein solches nie als Ideal erschienen sei. Ein parlamentarisches Regimeerschiene ihm aber ebenso unmöglich. Unsere Fraktionen besäßen weder denPatriotismus der Franzosen noch den gesunden Menschenverstand der

Bismarcks

innerer

Gegner