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ERINNERUNGEN EINES ALTEN MANNES
wollte, za Gebote stand: „Ich bitte Eure Königliche Hoheit, mich Ihrenallerdurchlauchtigsten Eltern alleruntertänigst zu Füßen legen zu wollen.“Der Prinz, der offenbar ein Eingehen auf seinen jokosen Ton erwartet hatte,sah verdutzt aus.
Am nächsten Morgen wurde die Fahrt nach Skiemiewice angetreten.
Kaiser Der Kaiser, damals siebenundachtzig Jahre alt, erzählte im Eisenbahn -Wilhelm wa g en von seinen früheren Besuchen in Rußland. Besonders lebhaft stehereis« nach ^j im e [ n Besuch vor Augen, den er vor sechzig Jahren seiner Schwester Char-lotte und deren Gemahl, dem damaligen Großfürsten Nikolaus Pawlowitsch ,abgestattet hatte. Als er damals dem regierenden Kaiser Alexander I. seineAufwartung machte, habe ihm dieser als Geheimnis anvertraut, daß nachseinem (Alexanders) Tode nicht sein zweiter Bruder Konstantin, derwegen seiner morganatischen Heirat, auch wegen Kränklichkeit und weil er„un original“ sei, die Nachfolge abgelehnt habe, sondern der dritte Bru-der, Nikolaus, den Zarenthron besteigen werde. Kaiser Wilhelm fuhr fort:„Den Abend des Tages, wo ich diese Confidence erhielt, verbrachte ich beimeiner Schwester und bei meinem Schwager Nikolaus. Als ich sie in ihrergemütlichen Häuslichkeit beisammen sah, dachte ich mir: ach ihr Armen!Ihr wißt nicht, was euch Böses bevorsteht!“ Kaiser Wilhelm kam dann aufseine Kindheit zu sprechen. Er erzählte ohne Pose, ohne jede Eitelkeit, ganzeinfach. Etwa wie Wilhelm von Kügelgen in den „Jugenderinnerungen einesalten Mannes“ erzählt oder Walter Scott in den „Tales of a Grandfather“oder Guizot in seiner „Histoire de France, racontee ä mes petits enfants“.
Der Kaiser erzählte uns unter anderm: „Nach alter Tradition werden diepreußischen Prinzen an ihrem zehnten Geburtstag in die Armee eingestellt.Gleichzeitig erhalten sie den Schwarzen Adlerorden. Weihnachten 1806führte mich mein seliger Vater in Memel unter unseren sehr bescheidenenWeihnachtsbaum und sagte mir: ,Eigentlich solltest du erst an deinemGeburtstag, am 22. März 1807, Offizier w r erden. Da ich aber nicht weiß, wound wie wir uns dann befinden werden, so ernenne ich dich schon heute zumLeutnant und verleihe dir unseren Orden. Trage Uniform und Orden immerin Ehren. 4 Ich legte die meiner kindlichen Figur entsprechende kleine Uni-form an, zum ersten Male eine preußische Uniform. Meine schöne Mutterweinte bitterlich.“
Wir passierten die Weichselbrücke bei Thorn . Wir passierten Thom.Aus der Hermann Balk , wohl der größte unter den Hochmeistern des DeutschenGeschichte. Ordens, hat Thorn gegründet und die Gegend mit Westfalen kolonisiert.von Thom Thorn wurde eine der bedeutendsten Handelsstädte des Nordens. Kaumzweihundert Jahre später schloß der verfallene Deutsche Orden hierden schimpflichen Frieden von Thom, durch den der Orden die Hälfte seinesGebietes an Polen abtrat, die andere von Polen zu Lehen nahm. Und im