BISMARCK UND PRINZ WILHELM
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erkrankt. Die Ärzte gaben wenig Hoffnung. Jetzt saß sie noch, blaß undmit fiebernden Augen, an der Abendtafel. Als sie sich zurückgezogenhatte, erzählte ich ihren Eltern, wie sehr meine Eltern unter dem Verlustihrer einzigen Tochter gelitten hätten. Herr von Giers brachte mich selbstzur Bahn zurück. Ich hielt es für das klügste, nach dem Rat, den Mephistoim „Faust“ dem Schüler erteilt, den Augenblick zu ergreifen. Ich erzähltedem Minister ohne Umschweife oder Finasserie, was mir Bill Bismarckgeschrieben hatte. Giers überlegte einen Augenblick, dann sagte er mir:
„Ich bin Ihnen für Ihre Offenheit dankbar. Auch ich würde eine Zusammen-kunft der drei Kaiser für gut halten, für die Kaiser selbst, für ihr gegen-seitiges Verhältnis und auch für die Galerie. Ich will sehen, was sich machenläßt.“ Bald nachher bat mich Herr von Giers auf das Ministerium desÄußern und eröffnete mir, daß sein Souverän zugestimmt habe. „Sansenthousiasme! II ne s’emballe guere. 11 ne perd jamais son equilibre, sonplilegme, si vous voulez. II accepte, mais ä la condition qu’on ne lui deman-dera pas de prononcer un discours. II a horreur des discours.“
Als ich diese Antwort nach Berlin gemeldet hatte, erhielt ich ein Tele-gramm des Kanzlers, das mich aufforderte, auf einige Tage nach Berlin zu Berichtkommen. Kaiser Franz Josef hatte sich inzwischen mit der Begegnung und Bülows indem für sie gewählten Ort, dem kaiserlichen Jagdschloß Skierniewice imGouvernement Warschau, einverstanden erklärt, und der Botschafter vonSchweinitz war auf seinen Posten zurückgekehrt. In Berlin eingetroffen,wurde ich vom Fürsten Bismarck zu Tisch gebeten. Ich traf bei ihm denPrinzen Wilhelm, der mich mit beinahe stürmischer Freundlichkeitbegrüßte, die aber weniger mir galt als meinem Bruder Adolf, der, seit vierJahren sein Adjutant, ihm ein persönlicher, von ihm ungemein geschätzterund geliebter Freund geworden war. Fürst Bismarck, dessen Argwohn nieschlief, was bei vielen trüben Erfahrungen, die er in seinem heroischenLeben gemacht hatte, begreiflich war, sah während einiger Sekunden ver-wundert und nicht ohne Mißtrauen auf den Prinzen und auf mich. Dannnahm er mich beiseite und frug mich nach meinen ersten Eindrücken inPetersburg. Ich entgegnete: „Als ich das letztemal in Petersburg weilte, imWinter 1875/76, lebten wir mit Rußland in einer Liebesebe. Jetzt ist darauseine Vernunftehe geworden.“ Der Fürst, der das Verhältnis zu unseremnördlichen Nachbarn offenbar ähnlich beurteilte, lachte und meinte: „Daskönnte stimmen.“ Daun sagte er mir, er wünsche, daß ich der Drei-Kaiser-Begegnung in Skierniewice beiwohne. Ich möge mich dem Gefolge unseresKaisers anschließen. Er selbst würde seine beiden Söhne mitnehmen, damitdie auch einmal etwas zu sehen bekämen. Als Prinz Wilhelm ging, äußerteer, er könne nicht länger bleiben, weil er „leider“ bei seinen Eltern erwartetwerde. Der Fürst antwortete in dem sehr förmlichen Ton, der ihm, wenn er