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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DREI-KAISER-BEGEGNUNG

geschimpft. Seit einer eingehenden und ganz offenen Aussprache, die ichmit ihm gehabt habe, hin ich der Überzeugung, daß Rußland und daßinsbesondere das kaiserliche Haus keinen bessern Minister und Ratgeberhaben kann als Giers.

Bei unserer ersten Begegnung forderte Herr von Giers mich auf, einenGiers Spaziergang mit ihm zu unternehmen. Während wir durch den Parküber schritten, meinte er mit seiner gedämpften, klanglosen Stimme:Ich habeAlexanderlll. durch Orlow und Murawjew von Ihnen gehört, auch haben Sie in unsererPetersburger Gesellschaft bei Ihrem ersten Aufenthalt in Rußland ein gutesAndenken hinterlassen. Mein Sohn und meine liebe, inzwischen leider ver-storbene holländische Schwiegertochter sind von Ihren Eltern vor Jahrenin Berlin freundlich aufgenommen worden. Ich komme Ihnen mit Ver-trauen entgegen. Wir brauchen den Frieden, und Sie haben auch gar keinInteresse an einem Kriege. Voilä une base solide pour etre daccord. Eskommt darauf an, daß von beiden Seiten unterbleibt, was unnötig ver-stimmen könnte. Nach einer kleinen Pause fügte der Minister hinzu:Mein Kaiser will vor allem, daß man ihn in Ruhe läßt. Es ist nicht richtig,daß er ein Deutschenfeind sei. Er ist so wenig ein Feind der Deutschen,wie er ein Freund der Franzosen oder der Engländer oder der Spanier ist.Er ist ganz anders als sein Vater, sein Großvater und Großonkel, alsAlexander II. , Nikolaus und Alexander I. Unser jetziger Kaiser, Alex-ander III., ist Russe, nur Russe. Er mag alle Fremden nicht. Wenn man dasin Berlin im Auge behält, können wir sehr gut zusammen auskommen.Obwohl ich eigentlich für Herrn von Giers einen Auftrag in der Taschehatte, hielt ich cs für angezeigt, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.Ich begnügte mich mit dem angenehmen Eindruck, daß er mir Vertrauenentgegenbrachte, und verabschiedete mich.

Sehr bald nach meinem Eintreffen in St. Petersburg hatte mir BillBismarck privatim geschrieben, daß sein Vater nach allerhand Mißverständ-nissen der letzten Jahre eine Begegnung der drei Kaiser für erwünscht hielte.Als Zeit wurde Mitte September, als Ort der Begegnung irgendein russischesSchloß zwischen der preußischen Grenze und Warschau vorgeschlagen.Ich möge vorsichtig das Terrain sondieren. Wenn meine Sondierung eingünstiges Ergebnis haben sollte, würde der Botschafter von Schweinitz nachseinem Wiedereintreffen auf seinem Posten die offizielle Einladung über-bringen. Da mich Giers aufgefordert hatte, ihn bald wieder zu besuchen,non pas en Charge daffaires, mais en ami, denn er wollte mich seinerFamilie vorstellen, fuhr ich einige Tage später zum Abendessen nach Ga-tschina. Frau von Giers war von Geburt Rumänin, eine Kantakuzenos ausder bekannten Phanarioten- und Hospodaren-Familie, eine würdige und liebeFrau. Eine Tochter, offenbar der Liebling des Vaters, war an der Tuberkulose